THE DOLMEN – „Nuada” (CD-Review)

the-dolmen-nuada-cover

Wo sind eigentlich die Piraten hin? Können Briten Americana-Folkrock? Und taugt das als Soundtrack für einen mythischen Keltenkönig? Fragen über Fragen… Unsere Rezension des neuen THE DOLMEN – Albums versucht, sie zu beantworten.

Wie man aus dem einleitenden Teaser schon entnehmen kann, bekommt man mit der neuesten Studioproduktion aus dem Hause THE DOLMEN klanglich nicht ganz das, was man von dem britischen Quintett eigentlich sonst gewohnt ist. Schon beim ersten Abspielen des Albums wird schnell klar, dass die keltische Tradition und die salzwassergetränkten Piratensegel diesmal weitgehend über Bord geworfen wurden. Ja man könnte fast soweit gehen, zu sagen, dass gleich das ganze Schiff eingetauscht wurde – und zwar gegen ein paar staubige Cowboystiefel.

Während es sich beim Opener „Lost Realms“ noch nicht ganz so stark bemerkbar macht, verbreitet schon die Gitarre beim folgenden „The Gaffa“, trotz der keltisch angehauchten Melodie, eindeutiges Americana-Feeling. Beim dritten Track, dem rockigen „The Devil’s a Cheapster“ schleicht sich stellenweise sogar das Gefühl ein, man hätte eine Scheibe von TITO & TARANTULA im CD-Player. Das endgültige Prärie-Feeling bekommt man dann spätestens bei „I’m Alone“: Akustikgitarre und Mundharmonika beschwören sofort Lagerfeuerromantik herauf – der Song wäre in keinem Western-Soundtrack fehl am Platz. (Herr Tarantino, lesen Sie mit?) Hier ist zum ersten Mal auf dem Album dann endlich auch Basserin Kayleigh Marchant an den Vocals zu vernehmen. Wie immer ein Hörgenuss, wenn sie auch für meinen Geschmack bei dem Track fast ein wenig zu schön singt. Ein wenig mehr Kratzen in der Stimme, wie etwa beim ebenfalls von ihr gesungenen „Devil’s Kind“, hätte mir hier (noch) besser gefallen.

Man könnte jetzt weiter die Songs einen nach dem anderen abarbeiten, doch wäre dies müßig. Zum Einen sollte der geneigte Leser mit dem bisher Gesagten eine ganz gute Idee davon bekommen, wohin das Schiff steuert oder vielmehr der Gaul reitet, zum Anderen soll der potentielle Hörer ja auch noch die Chance haben, eigene Entdeckungen zu machen. Und die zu machen lohnt sich! „Nuada“ ist, das sei an dieser Stelle vor allem für ob des bisher gelesenen eventuell zweifelnde THE DOLMEN – Fans gesagt, ein wirklich bärenstarkes Album mit vielen Songs, die gehöriges Hitpotential aufweisen. Denn auch wenn hier betont wird, dass die Band altbekannte Pfade verlässt – ganz so fremd sind die ja gar nicht: Bereits auf seinem Soloalbum „Crow Dance“ erforschte Sänger Taloch seine indianischen Wurzeln. Und bei allen Ausflügen in die ferne Prärie klingen THE DOLMEN auch auf der neuen Scheibe immer noch wie THE DOLMEN. Talochs prägnantes Organ, Kayleighs treibender Bass und vor herber Erotik knisternde Stimme, Anjas virtuose Flötentöne und das rhythmisch-präzise Uhrwerk von Drummer Chris drücken auch dem neuesten Werk der Engländer ihren unverwechselbaren Stempel auf. Falls jetzt jemand zu recht bemerkt, dass bei der Aufzählung jemand fehlt, so hat das nur den einen Grund, dass die Person es für mich in diesem Fall verdient hat, gesondert erwähnt zu werden. Josh Elliott hat mit dem, was er hier abgeliefert hat, in meinen Augen (respektive Ohren) seine Anwartschaft auf die Aufnahme in die Riege der Gitarrengötter deutlich bekräftigt. Da ziehe ich glatt meinen Cowboyhut!

Die einzige Frage, die für mich offen bleibt, ist, warum das Album ausgerechnet nach dem legendären König der Tuatha Dé Danann aus dem irischen Gründungsmythos benannt ist, zumal der Titeltrack des Albums nicht nur an die vorletzte Stelle gesetzt wurde, sondern auch nicht besonders keltisch klingt. Folgt man Sänger Taloch, so hat sich der rote Faden des Albums, nämlich der Fokus auf „Geister und Wesen, die die Menschheit seit tausenden von Jahren begleiten, die jedoch so weit entfernt und fantastisch sind, dass der Durchschnittsmensch ihre Realität gar nicht wahrnehmen kann“, erst während des fortgeschrittenen Songwriting-Prozesses herauskristallisiert. Nun gut, dann hätte ich dem Album vielleicht einen anderen Titel verpasst, aber das ist Interpretationssache und tut vor allem dem Hörgenuss keinen Abbruch.

Fazit: Eine der herausragendsten Veröffentlichungen des ausgehenden Jahres. Da freut man sich schon, die Band mit den neuen Songs bei der Castlefest-Winter-Edition am 17. Dezember live zu erleben. Ab dann gibt es das Album auch für alle die, die es sich nicht schon durch eine frühe Vorbestellung jetzt schon gesichert haben, ganz regulär käuflich zu erwerben.

Tracklist:

1. Lost Realms
2. The Gaffa
3. The Devil’s a Cheapster
4. I’m Alone
5. Godless
6. Fire in the Heart
7. Devil’s Kind
8. Blood Thirsty Queen
9. Echoes
10. Azazel’s Serpent
11. Crimson Tears
12. Free Will
13. Invite me In
14. Nuada
15. Past and Present



Teilen auf:
Florian Hessler

Über Florian Hessler

Archäologe, Historiker und freier Journalist (u.a. Zillo Medieval, Sonic Seducer, Miroque, Metal-District, Piranha) floh.hessler(at)schubladenfrei.de
Dieser Beitrag wurde unter Aktuelles, Gehört, Musik abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setzen Sie ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *