Coppelius – Extrablatt (CD-Review)

Coppelius Extrablatt

Nachdem COPPELIUS bereits mit „Tumult“ und „Zinnober“ für Aufregung gesorgt haben ist auch ihr viertes Studioalbum ein „Extrablatt“ wert. Stilistisch bleibt das Berliner Sextett sich und seinem ureigenen Kammercore treu: Die Musik ist geprägt durch Kontrabass, flinke Klarinetten und das sägende, meist verzerrte Cello das die rocktypischen e-Gitarren ersetzt. Der Band gelingt es immer wieder gut, die verschiedenen Gesangsstimmen bestmöglich zu nutzen. Auch optisch ist das Album hervorragend in Szene gesetzt. Das Booklet ist liebevoll gestaltet und lässt sich zu einer Zeitungsseite auffalten.

Mit dem Aufziehen einer „Spieldose“ wird das gut 50 Minuten lange Album eröffnet, das einen kritischer Blick auf die Welt offenbart, der in den Texten oft mit einer Prise Humor garniert wird. Die Themen sind vielfältig: Da werden die Technikabhängigkeit und immer schneller werdende Zeit angesprochen, Geld besungen, über das Leben philosophiert, Beziehungen angefangen und ruiniert, Mordpläne geschmiedet und Tragödien durchlebt. Bei „Welt im Wahn“ befindet sich das Album noch in der Warmlaufphase, anschließend kommen COPPELIUS auf Hochtouren. Das stampfend-steampunkige „Reichtum“ begeistert vom ersten bis zum letzten Ton. Es ist sehr gradlinig, dynamisch und großartig – Applaus, meine Herren! Die meisten anderen Stücke brauchen ein paar Durchläufe, bis sie wirklich zünden. Allen gemeinsam ist der hochwertige Sound für den sich Simon Michael (SUBWAY TO SALLY) verantwortlich zeigt, der das Album mit aufgenommen und produziert hat.

„Bitte Danke Petitieren“ reißt besonders im Refrain mit, man kann sich das Stück gut als Livekracher vorstellen. Vom Stil her erinnert es an „Diener 5er Herren“ und kann thematisch durchaus als Fortsetzung dazu gesehen werden, zeigt es doch recht anschaulich einen endgültigen Weg aus dem anstrengenden Dienerdasein. „Butterblume“ steht als schöne, relativ kurze Ballade ganz in der Tradition von „Ade mein Lieb“. Dass der Text nicht allzu viel Sinn hat verzeiht man bei dem wunderbaren, warmen Celloklang und den samtweichen Klarinettentönen gern. Anschließend folgt ein abrupter Stimmungswechsel. „Keine Kamera“ ist angenehm groovig, textlich fehlt allerdings der letzte Schliff. Dafür ist „I’d change everything“ ein wunderbar vielseitiger, flotter Folk Rock-Song, der sich durch hohen Kontrast zwischen Refrain und Strophen und herrlichen Instrumentalparts auszeichnet. Ein absolutes Highlight! Die nachfolgenden Songs sind wieder ein ganzes Stück schwächer. „Glanz und Eleganz“ hat zwar einen klasse Beginn, der recht abgehackte Refrain kann jedoch nicht voll überzeugen und insgesamt zieht sich das Lied dadurch etwas. Auch „Glaubtet ihr“, „Mitten ins Herz“ und „Geschwind“ zählen nicht zu den Meisterwerken der Band, wobei ersteres mit hervorragenden Klarinettensoli besticht. Selbst wenn auf Lyrikvertonungen und E.T.A. Hoffmann-Bezüge dieses Mal verzichtet wurde: Ein IRON MAIDEN-Stück darf natürlich auch auf „Extrablatt“ nicht fehlen. Die Herren aus Berlin haben „Running Free“ neu interpretiert, der Song ist allerdings gemessen an den bisherigen coppelianischen Coverversionen relativ unspektakulär geworden.

Als Bonustrack ist auf dem Album noch das SUBWAY TO SALLY-Cover „Maria“ zu finden, das ursprünglich für den Eisheilige-Nacht-Sampler aufgenommen wurde. Die einfühlsame, stimmungsvolle Umsetzung war schon darauf der eindeutig gelungenste Song und auch auf „Extrablatt“ ist sie ein echtes Glanzstück. Besonders bemerkenswert ist an dieser Stelle der Gesang von Butler Bastille, dem diese Tonlage ganz hervorragend liegt. Abgesehen von „Maria“ schwächelt das Album gerade in der zweiten Hälfte leider etwas. Zwar gibt es dieses Mal im Gegensatz zum „Feuerwehrmann“ auf „Zinnober“ keinen Totalausfall, doch sind die anderen Stücke dafür ein Stück durchschnittlicher und die Scheibe ist etwas weniger innovativ als auf den vergangenen CDs. Eingefleischte COPPELIUS-Fans werden mit dem Album natürlich trotzdem glücklich werden und wer die Band noch nicht kennt, aber ein Freund von klassischen Instrumenten oder Steampunk ist sollte ohnehin mal reinhören.

Anspieltipps:
Reichtum
I’d change Everything
Maria

Tracklist:
01. Spieldose
02. Welt im Wahn
03. Reichtum
04. Bitten Danken Petitieren
05. Locked Out
06. Butterblume
07. Keine Kamera
08. I’d Change Everything
09. Glanz und Eleganz
10. Glaubtet Ihr?
11. Mitten ins Herz
12. Running Free
13. Geschwind
14. Maria

[F.A.M.E. Recordings]



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Janina Stein

Über Janina Stein

Kulturgeographin, Fotografin und freie Journalistin, zuletzt 1 ½ Jahre unterwegs in Neuseeland, Australien und Asien. janina.stein (at) schubladenfrei.de
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