Stummfilmkonzert: MÚM plays „Menschen am Sonntag“ – Berlin, Radialsystem V

Múm live- Radialsystem V - 13-02-16 (c) Markus Werner

Der Februar steht in der deutschen Hauptstadt natürlich immer ganz im Zeichen der Berlinale. Doch für tolle Filmerlebnisse muss es nicht immer der rote Teppich sein, denn auch abseits des glamourösen Festivalgeschehens lässt sich so manche cineastische Perle finden. Ein Beispiel hierfür war in diesem Jahr mit Sicherheit die Vorführung des Stummfilm-Klassikers „Menschen am Sonntag“, live vertont von der isländischen Electronica-Formation MÚM, die an beiden Abenden im Berliner Radialsystem V restlos ausverkauft war.

Der 1929 entstandene Film (Uraufführung 04.02.1930) ist weitaus weniger berühmt als die großen Meisterwerke der Stummfilmzeit wie etwa „Nosferatu“ oder „Metropolis“ und damit den meisten heutigen Kinogängern wohl eher unbekannt. Grund dafür könnte seine an sich wenig aufregende Handlung sein, denn es geht weder um blutsaugende Untote noch um spektakuläre Zukunftsvisionen, sondern nur um ein recht banales Doppel-Date und einen Sonntagsausflug zum Berliner Wannsee. Dennoch zählt der Film zu den wichtigsten Werken seiner Zeit, markiert er doch einen Startpunkt für die cineastische Laufbahn dreier späterer Hollywood-Legenden: Das Drehbuch stammt von keinem geringeren als Billy Wilder, der zu der Zeit in Berlin lebte und hier seine später mit insgesamt sechs Oscars gekrönte Filmkarriere begann. Auf nur einen Oscar weniger brachte es Fred Zinnemann, der bei „Menschen am Sonntag“ seine erst dritte Kameraassistenz absolvierte und später ebenfalls ins Regiefach wechselte. Der Regisseur Robert Siodmak konnte zwar keine Oscars gewinnen (obwohl er zweimal nominiert war), machte sich in den 40er Jahren aber als Regisseur im Film Noir – Genre einen Namen und drehte Klassiker wie „Die Wendeltreppe“ und „Rächer der Unterwelt“. Sein Co-Regisseur Edgar G. Ulmer war der einzige des Quartetts, der zur Zeit der Entstehung schon größere Filmerfahrung hatte, als Szenenbildner war er bereits für für Filmgrößen wie Friedrich Wilhelm Murnau oder auch Fritz Lang tätig gewesen. Als Regisseur in Hollywood drehte er später hauptsächlich B-Movies, darunter den Horrorklassiker „Die schwarze Katze“. Er wurde vor allem für seine Fähigkeit berühmt, selbst aus dem kleinsten Budget noch einen ansprechenden Film zu machen.

Auch vier der fünf Hauptdarsteller standen für „Menschen am Sonntag“ das erste Mal vor der Kamera. Anders als den Akteuren hinter der Kamera war ihnen allerdings keine größere Filmkarriere beschieden.

Menschen am Sonntag Filmposter WikipediaDie Originalfassung des Films existiert nicht mehr. Bei einem Restaurationsprojekt vor einigen Jahren wurde eine erhaltene, jedoch gekürzte Kopie aus dem Niederländischen Filmmuseum mit Sequenzen aus anderen ausländischen Kopien ergänzt (unter anderem aus der Cinémathèque Suisse, der Cinémathèque Royale de Belgique und der Fondaziona Cineteca Italiana) und die deutschen Zwischentitel wurden nach noch vorhandenen Textquellen teilweise neu erstellt. Die so entstandene restaurierte Fassung, die im Radialsystem gezeigt wurde, kommt mit 1.856m schon recht nahe an die 2.014 Meter des Originals heran.

Wie kommt nun eine Experimental-Elektronik-Formation aus dem fernen Island auf die Idee, ein filmisches Berliner Sittengemälde aus der Weimarer Republik neu zu vertonen? Nun, die Band hat tatsächlich eine enge Verbindung zur deutschen Hauptstadt, denn 2003/2004, zur Zeit der Entstehung ihres Albums „Summer Make Good“, lebten einige Bandmitglieder vorübergehend an der Spree und einige ihrer Alben werden nach wie vor vom Berliner Label Morr Music vertrieben.

Gegründet wurde MÚM 1997 von Örvar Þóreyjarson Smárason und Gunnar Örn Tynes zusammen mit den beiden Zwillingsschwestern Kristín Anna und Gyða Valtýsdóttir. Die beiden Damen verließen später die Gruppe und im Lauf der Zeit kam es zu mehreren Besetzungswechseln, in deren Zuge sich das Ganze von einer festen Band eher zu einem offenen Musikerkollektiv wandelte. Ähnliches kennt man ja von diversen anderen Projekten, wie etwa Shantels BUCOVINA CLUB oder auch der Berliner Formation PICTURE PALACE MUSIC rund um TANGERINE DREAM Mitglied Thorsten Quäschning, die ja ebenfalls als Stummfilm-Vertonungs-Projekt entstand.

Für das Filmprojekt verstärkten sich die Gründer Smárason und Tynes lediglich mit dem finnischen Schlagzeuger und Perkussionisten Samuli Kosminen, der neben dem Rhythmus auch viel atmosphärische Geräuschuntermalung beisteuerte. Im Gegensatz etwa zu PICTURE PALACE MUSIC, die ja auch aus der elektronischen Ecke kommen, wirkten die zwischen zeitgemäß und futuristisch oszillierenden Klänge von MÚM ein wenig differenzierter und insgesamt weniger wuchtig. Reduzierte Geräuschpassagen und puristische Klavierklänge wechselten mit sphärischen Loops und rhythmischen Sequencer-Passagen. Obwohl die Isländer damit größtenteils film-dienlich agierten und ihre Musik nie plakativ in den Vordergrund stellen, war der Soundtrack so eigenständig und bisweilen magisch, dass man Gefahr lief, die Augen zu schließen und dazu seinen ganz eigenen Film ablaufen zu lassen. Kein Wunder, dass das Publikum im Radialsystem die Band am Ende minutenlang mit stehenden Ovationen feierte.

Wer MÚM mit dem Stummfilmprojekt live sehen will, hat übrigens bei folgenden Terminen noch Gelegenheit:

08.03.2016 CH-Luzern, Südpol
09.03.2016 Schorndorf, Manufaktur
10.03.2016 Offenbach – Hafen 2
11.03.2016 Leipzig, UT Connewitz
12.03.2016 Köln, Art Theater

 

 



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Florian Hessler

Über Florian Hessler

Archäologe, Historiker und freier Journalist (u.a. Zillo Medieval, Sonic Seducer, Miroque, Metal-District, Piranha) floh.hessler(at)schubladenfrei.de
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