BuchBerlin 2021 – Impressionen und Fundstücke

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Dass die BuchBerlin 2021 tatsächlich live und in echt stattfinden konnte, erscheint wenige Wochen danach angesichts der derzeitigen Situation fast schon wie ein kleines Wunder. Leider war die Zeit, die wir dort verbringen konnten, viel zu kurz bemessen, so dass wir hier keinen umfassenden Bericht sondern nur ein paar Splitter liefern können. Vielleicht reichen diese jedoch, um einen kleinen Eindruck von der Atmosphäre und der Bandbreite des Angebots zu vermitteln.

Um gleich zu Beginn noch einmal kurz auf die aktuelle Situation einzugehen: Die geltenden Maßnahmen wurden sehr gut umgesetzt, die Kontrolle des 2G-Status war vorbildlich und auch die Maskenpflicht in den Innenräumen wurde von Helfern, Ausstellern und Publikum durchweg vorbildlich eingehalten. Dazu kommt die Höhe der alten Fabrikhalle, die Weitläufigkeit und die gute Ventilation, die dazu beitrugen, dass man sich rundum wohl fühlen konnte. Dafür gebührt allen Beteiligten, allen voran aber dem Orga- und Helferteam der BuchBerlin großer Applaus.

[Um bei einzelnen Bildern entsprechendem Gemecker vorzubeugen, von wegen „die haben auf dem Bild doch gar keine Maske auf!“: Das war nur fürs Foto. Sieht einfach besser aus. Die Fotos entstanden jeweils mit entsprechendem Abstand und danach war die Maske sofort wieder auf.]

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Apropos wohlfühlen: Der größte Beifall gebührt der BuchBerlin eigentlich dafür, dass sie es trotz dieser ganzen Einschränkungen und Zusatzbelastungen geschafft hat, die ihr eigene entspannte Wohlfühl-Atmosphäre aufrecht zu halten. Was diese Messe nämlich vor allem auszeichnet, ist ihre Niedrigschwelligkeit. Natürlich ist das auch der Tatsache geschuldet, dass es zwar nach Frankfurt und Leipzig inzwischen die drittwichtigste einschlägige Veranstaltung ist, man jedoch, was die absoluten Aussteller*innen- und Publikumszahlen angeht, den beiden Dinos eher als Maus gegenübersteht. Natürlich ist der BuchBerlin zu wünschen, dass sie weiter wachsen möge, doch klein hat auch Vorteile. So sind hier Schlangen an den Ständen, etwa beim Signieren, einfach mal nicht existent. Das bietet nicht nur die Chance fürs Publikum, die Autor*innen und Verleger*innen hautnah zu erleben, sondern ist natürlich auch die beste Voraussetzung, um entspannt ins Gespräch kommen, Kontakte zu knüpfen und das eigene Netzwerk zu erweitern.

Wo wir gerade beim Thema Netzwerke sind – eines davon, das auf der diesjährigen Messe auch mit einem eigenen Stand vertreten war, sind die #BerlinAuthors.  2019 wurde es von S. M. Gruber, Liv Modes, Jen Pauli und Katharina Stein gegründet, und veranstaltet seitdem regelmäßig Stammtische, Lesungen, Schreibtreffen und Workshops. Zudem erscheint jährlich eine Anthologie mit Texten Berliner Autor*innen, die sich mit den vielfältigen und teils auch widersprüchlichen Gefühlen befassen, die in so einer Großstadt wie Berlin aufkommen können. Am 20.11. ist pünktlich zur BuchBerlin der dritte Band mit dem schönen Titel  „Großstadtgeheimnisse – Funkentanz im Dämmergrund“ erschienen. Schaut mal rein und auch mal auf die Homepage des Netzwerks, es lohnt sich!

#BerlinAuthors

#BerlinAuthors

Das Verlagsschaufenster der BuchBerlin war in diesem Jahr ja ganz speziell auf Berlin/Brandenburg ausgerichtet. Ein interessantes Beispiel ist hier sicherlich der Verlagszusammenschluss „Lesen Lokal“, an dem unter anderen auch die schon 1991 gegründete Zeitschrift „Die Mark Brandenburg“ beteiligt ist. Im gleichnamigen Verlag

Lesen Lokal

Lesen Lokal

erscheint nicht nur die immer wieder sehr informative Zeitschrift, sondern es gibt auch ein recht interessantes Buchprogramm. Als Beispiel seien hier „Berliner Gräber, die es in sich haben“ von Dietmar Strauch und Lisa Vanovitch (Fotografie), sowie „Fassadengeflüster – Berliner Bauten der Weimarer Republik“ von Arne Krasting erwähnt.  Während das eine interessante und teils skurrile Geschichten um bekannte und unbekannte Berliner Begräbnisstätten erzählt, bietet das andere einen spannenden Rundgang durch die noch erhaltene Berliner Architektur der 20er und 30er Jahre. Nicht nur für Hauptstadtbewohner interessant.

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Ganz anderes fand sich am Stand gleich daneben. Die liebevoll illustrierten „Zipfel und Mütze“ – Bücher von Nadin Voß richten sich an das jüngste nur denkbare Publikum, denn sie wollen es Kindern möglichst spielend ermöglichen, das Lesen zu erlernen. Und in die Knuddelalarm“ – Tasse haben wir uns einfach spontan verliebt, die musste definitiv mit!

Nadin Voß

Nadin Voß

Sophia Alt

Sophia Alt

Spannend in mehrerer Hinsicht war der Besuch am Stand des Zadek-Verlags. Eigentlich war der kleine Verlag bislang auf Fachpublikationen zum Thema Logistik spezialisiert. Mit „Das Land hinter der Mauer“ der jungen Autorin Sophia Alt hat man sich nun erstmals an einen Roman gewagt. Das Buch erzählt die Geschichte der Wende aus Sicht des Schülers Andreas, der diese Zeit im Spannungsfeld zwischen dem linientreuen Weltbild seines Stasi-Vaters und den immer mehr zunehmenden friedlichen Protesten und Forderungen nach Reformen erlebt. So interessant wie das Thema des Romans ist der Werdegang der Verfasserin. Alt wuchs als Tochter eines deutschen Vaters und einer russischen Mutter in Westdeutschland und der Sowjetunion auf. Als ihr Studium der Neurowissenschaften sie schließlich nach Magdeburg führte, fühlte sie sich dort durch vieles an ihre Kindheitserlebnisse in der UdSSR erinnert. Sie wurde neugierig und begann zu recherchieren.  Für „Das Land hinter der Mauer“ sprach sie mit Bürgerrechtlern, Stasi-Kindern oder einfach nur mit Menschen auf der Straße. Herausgekommen ist eine spannende Geschichte, die vor allem Jugendlichen die Wirren und Hoffnungen dieser besonderen Zeit näherbringt. Wer die Autorin kennenlernen und mal in den Roman reinhören will, dem seien hier die ersten beiden Ausgaben des „Ostblogs“ von Guericke FM, dem Uniradio-Podcast der Otto-von-Guericke Universität Magdeburg, empfohlen.

Last but definitely not least zu einer meiner liebsten BuchBerlin-Entdeckungen in diesem Jahr, und das ist definitiv die „Follow Me To Wonderland“ Trilogie von Kristin Ulmann. „Eine Alice im Wunderland Adaption“ nennt die Autorin ihr Werk, dessen finaler dritter Band gerade eben erst im Gedankenreich-Verlag erschienen ist. Doch man sollte

Kristin Ullmann

Kristin Ullmann

vorsichtig sein, denn auch wenn Ulmanns Story genau wie das 1865 erschienene Original von Lewis Carroll vor Phantasie nur so sprüht, kann man schon nach wenigen Seiten feststellen, dass es hier ein klein wenig düsterer zur Sache geht. Auch die Namen und Figuren, die aus der Originalgeschichte vertraut wirken, begegnen einem hier in veränderter Weise, denn in diesem Land ist nichts so, wie es scheint. Die Idee zu der Story kam der Autorin, …doch halt, ich will nicht vorgreifen. Denn dies ist eine andere Geschichte, und soll ein andermal erzählt werden. Und zwar schon bald, denn in Kürze wird es hier ein ausführliches Interview mit Kristin Ullmann zu lesen geben. Bis dahin kann ich Fantasy- und Alice-im-Wunderland-affinen Leseratten die Abenteuer der Seelenfängerin Cat Cheshire und der anderen „Wondies“ nur wärmstens ans Herz legen.

Bernhard Hennen

Bernhard Hennen

Neben den zahlreichen unbekannten Autor*innen und Selbst- und Kleinstverlagen konnte man auf der BuchBerlin 2021 aber auch durchaus schon etwas bekanntere Namen finden, wie etwa das Autorenduo Bernhard Hennen und Robert Corvus oder auch den Stand des Verlags Edition Roter Drache. Ebenfalls erwähnenswert ist die Ausstellung „#Antisemitismus für Anfänger“, die eine Auswahl der Cartoons und Texte aus der gleichnamigen, 2020 erschienen Anthologie präsentierte.  Bei den nur teils ironisiert überspitzten Beispielen von Judenfeindlichkeit aus allen Lebensbereichen blieb einem das Lachen so manches Mal im Halse stecken. Leider galt für die Ausstellung ein Fotografie-Verbot, so dass wir hier keine Bilder davon zeigen können. Aber für die Anthologie können wir an dieser Stelle eine klare Kaufempfehlung aussprechen!

Wer genug vom Schlendern zwischen den Ständen hatte, konnte sich entweder mit dem neu erworbenen Lesefutter in eine der zahlreichen ruhigen Ecken der Halle zurückziehen oder eine der zahlreichen Lesungen besuchen. Zudem wurde bestens fürs leibliche Wohl gesorgt, egal ob man lediglich Koffeinnachschub am Coffee-Bike tanken oder etwas gehaltvollere Nahrung an den Food-Trucks im Außenbereich konsumieren wollte.

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Alles in allem war die BuchBerlin 2021 also wieder einmal eine gelungene Veranstaltung, auf der wir gerne noch viel mehr Zeit verbracht hätten. Wir freuen uns auf jeden Fall schon sehr aufs nächste Jahr!

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Florian Hessler

Über Florian Hessler

Archäologe, Historiker und freier Journalist (u.a. Zillo Medieval, Sonic Seducer, Miroque, Metal-District, Piranha) floh.hessler(at)schubladenfrei.de
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