Garbage – Huxleys, Berlin (Konzertbericht)

Garbage

Sieben lange Jahre hatte man nichts von GARBAGE gehört, bis sie sich im Mai dieses Jahres plötzlich mit einem neuen Album zurückmeldeten. Kritiker und Fans waren sich einig: „Not your kind of people“ erinnert an die besten Zeiten der Band und klingt, als wären die vier niemals weg gewesen. In der Folge begaben sie sich auf eine ausgedehnte Tour, deren europäischer Teil am vergangenen Dienstag in Berlin zuende ging – einer von nur zwei Terminen hierzulande. Kein Wunder also, dass das Konzert im Huxleys restlos ausverkauft war. Und wie das mit Dernieren immer so ist, es wurde ein ganz besonderer Abend.

Als Support im Gepäck hatten GARBAGE die Band SUPERBUS, die den ersten Teil des Abends bestritt. Während die Pariser alternative Rocker in unserem Nachbarland bereits seit längerem Starstatus genießen – kein Wunder, wurde die Band doch schon 1999 gegründet – ist sie bei uns noch relativ unbekannt. Trotzdem war schon merklich Stimmung in der Halle, vor allem da die ersten Reihen zu diesem Zeitpunkt fest in französischer Hand schienen. Frontfrau Jennifer Ayache war die Freude darüber deutlich anzumerken. „Es ist unser erstes Mal hier. Wir sind GARBAGE sehr dankbar, dass sie uns mit auf Tour genommen haben“, so die charismatische Sängerin. Der Name der Band hat übrigens nichts mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu tun, sondern vielmehr mit dem lateinischen Wort „superbus“ („stolz“, „übermütig“).

Mangels Deutschkenntnissen erfolgten die Ansagen in Englisch, wie auch die Songs der Band teilweise in französisch, teilweise in Englisch gesungen wurden. Eine deutsche Textpassage schlich sich aber doch ein: Im letzten Song „Travel the World“ zitierten SUPERBUS kurz RAMMSTEIN („Du hasst mich“). Schön auch die Einleitung zu „Butterfly“: „Normalerweise singen immer alle den Refrain mit, aber Ihr kennt den Song ja wahrscheinlich nicht. Aber mitklatschen könnt Ihr wenigstens!“ Das Publikum im Huxleys tat Jennifer den Gefallen gern, denn die Franzosen erledigten ihren Anheizerjob mehr als anständig. Dennoch machte sich langsam eine kribbelnde Spannung auf den Hauptact breit, als nach dem Auftritt die Lichter wieder angingen.
Setlist SUPERBUS:

1. Lola

2. Radio Song

3. Whisper

4. Mrs Better

5. Lova Lova

6. Butterfly

7. Video Games

8. Travel the World
Nach einer kurzen Umbaupause war es dann endlich soweit. Unter frenetischem Jubel betraten GARBAGE die Bühne, und sie sollten den Anwesenden einen unvergesslichen Abend bescheren. Am Ende einer langen Tour fällt von den Künstlern ja oft so einiges ab und sie geraten in eine ganz besondere Stimmung. Shirley Manson und ihren Mannen war dieser spezielle Gefühlszustand auf der Bühne deutlich anzumerken. Gefühlt jedes zweite Lied widmete Shirley einer befreundeten Person, und überhaupt war sowohl sie als auch der Rest der Band an diesem Abend sehr redefreudig. Und nicht nur redefreudig, denn Shirley war nicht die einzige, die an diesem Abend zum Gesangsmikro griff – aber ich will nicht vorgreifen.

Los ging es mit „Control“ vom neuen Album , bevor dann als zweiter Song mit „Paranoid“ gleich ein Kracher folgte, der die Halle bereits das erste mal zum Kochen brachte. Hier offenbarte das Huxleys auch gleich wieder eine seiner Eigenarten – den wie ein Trampolin schwingenden Fußboden. Da der Konzertsaal im ersten Stock liegt, hat man dort bei einer hüpfenden Menge jedesmal wieder das Gefühl, man würde jeden Moment eine Etage tiefer landen.

Mit den nächsten beiden Songs „Shut Your Mouth“, zu finden auf „Beautiful Garbage“, und „Why Do You Love Me” vom 2005er Longplayer “Bleed Like Me”, wurde klar, dass man ein bunt gemischtes Programm erwarten durfte. Zwischen den beiden Stücken hielt Shirley die erste längere Ansprache ans Publikum, in der sie betonte, die Band wüßte, was sie an ihren Fans hat, und diese sollten bitte nicht alles glauben, was man diesbezüglich in manchen Presseberichten lesen könne. Schön zu hören war dabei, dass sich, obwohl die Sängerin schon seit längerem in den USA lebt, ihr herrlicher schottischer Akzent noch nicht völlig verschliffen hat.

Nach „Hammering In My Head“, wiederum von „Version 2.0“, kam man dann schließlich in den Genuß der ersten beiden „Oldies“ vom 95er Debutalbum. Dass selbiges nach wie vor von vielen als das beste der Band angesehen wird, ließ sich leicht an den Reaktionen des Publikums ablesen. Nicht, dass die Stimmung bislang schlecht gewesen wäre, aber bei „Queer“ und „Stupid Girl“, bei dem zunächst ein Fehlstart des Intros zusätzlich für Gelächter auf der Bühne und im Publikum sorgte, stieg sie noch einmal merklich an. Spätestens jetzt stellte sich dann auch bei mir eine wohlige Gänsehaut ein – da war sie wieder, meine verloren geglaubte Jugend!

Ab da jagte eigentlich ein Hit den nächsten: „Automatic Systematic Habit“, „Supervixen“, „Special“, „Milk“, „Push it“, „Vow“… die Liste wirklich starker Songs, die GARBAGE vorzuweisen haben ist schier endlos. Nach „Blood for Poppies“, der ersten Singleauskopplung des neuen Albums, bedankte sich Shirley bei ihren „Boys“: „Die kriegen sonst immer nicht so viel Aufmerksamkeit wie ich, aber sie arbeiten genau so hart. Ich glaube heute Abend es ist an der Zeit, sie Euch nochmal vorzustellen.“ Besondere Pluspunkte beim Berliner Publikum holte sich dabei Drummer Butch, als er die Stadt als eine der „coolest fucking cities on the planet“ bezeichnete.

Beim letzten Stück des regulären Sets „You Look So Fine“ griff Shirley am Ende erstmals selbst zur Gitarre und sorgte mit den ersten Zeilen von „Dreams“ auch noch für eine kleine FLEETWOOD MAC – Remininszenz, bevor GARBAGE unter tosendem Applaus zum ersten mal an diesem Abend die Bühne verließen.

Aber natürlich gab es Zugaben, und die hatten es in sich! Zum Intro von „When I grow up“ vollführte Shirley erst einmal ein paar Liegestützen, bevor die Band mit dem Song die Halle ein weiteres Mal zum kochen brachte. Der Hit wurde nicht nur gebührend abfeiert sondern von vielen auch lauthals mitgesungen. Sichtlich bewegt von der Stimmung rief Shirley danach ins Publikum: „Ich wünschte, Ihr könntet fühlen wie sich das für uns anfühlt!“ Im Anschluss begrüßte sie erst einmal diverse internationale Fans in den ersten Reihen, bevor sie zum „traurigsten aller GARBAGE-Songs“ überleitete. Mit den Worten „Wir sind irgendwie pervers, ja, wirklich. Wenn wir am glücklichsten sind, so wie jetzt, spielen wir gerne die traurigsten Lieder“, kündigte sie freudestrahlend „Cup Of Coffee“ an.

Dukes vorangegangene Aussage „Tonight we’ll play for you as long as you want“ schien dann tatsächlich keine leere Ankündigung gewesen zu sein. Da sich ein Fan in einer der ersten Reihen wohl mehrmals lautstark „I Hate Love“ gewünscht hatte, nahm die Band den Song tatsächlich kurzerhand spontan ins Programm. „Young man, this is especially for you!” – wer wäre über eine solche Widmung aus dem Mund von Shirley Manson nicht glücklich?

Ebenfalls nicht auf der eigentlichen Setlist stand dann das nächste Stück, das den emotionalen Höhepunkt des Abend markierte: Bereits während des ganzen Konzerts hatte Ruby, die (gar nicht mehr so) kleine Tochter von Gitarrist Steve, am Bühnenrand gesessen. Die 12jährige war schon im Studio bei den Aufnahmen zum Titelsong des neuen Albums als Backgroundsängerin dabei gewesen und nun wurde sie von ihrer stolzen Patentante Shirley kurz dem Publikum vorgestellt. Nachdem Ruby die Bühne eigentlich bereits wieder verlassen hatte, wurde sie von „Auntie“ Shirley jedoch noch einmal zurückgerufen: „Haben wir irgendwo noch ein Extra-Mikrofon? Heute abend singst Du mit uns!“ Natürlich dauerte es nicht lange, bis ein zweiter Mikroständer aufgebaut war und unter großem Jubel gaben die beiden zusammen eine wunderschöne Version von „Not Your Kind Of People“ zum besten. Die Fans honorierten die Leistung mit einem warmen Applaus und lauten „Ruby! Ruby!“-Sprechchören. „So ist das mit den Konzerten am Ende einer Tour, da passieren eben seltsame Sachen“ , grinste Shirley am Ende des Songs fast entschuldigend. Völlig unnötig, denn allerspätestens jetzt hatte glaube ich jeder das Gefühl, einem ganz speziellen Konzert beizuwohnen.

Das war allerdings damit auch schon fast zuende, doch bevor sie sich endgültig verabschiedeten, brachten GARBAGE mit „Only Happy When It Rains“ die Hütte abschließend noch einmal so richtig zum wackeln. Ganz vorbei war es dann aber noch immer nicht. Als der Rest der Band die Bühne bereits verlassen hatte, trat Duke noch einmal ans Mikro und stimmte eine leicht schiefe Dankes-Serenade an: „Thanks a million!“ Lachend kehrte danach auch der Rest noch einmal zurück und zum guten Schluß wurde noch das inzwischen bei vielen Gruppen beliebte Bandfoto vor Publikumshintergrund geschossen.

Ein wirklich denkwürdiger Abend. GARBAGE haben sich nicht nur mit einem wirklich guten Album zurückgemeldet, auch live hat die Band einmal mehr eindrucksvoll ihre Klasse bewiesen und gezeigt, dass sie noch lange nicht zum alten Eisen gehört. Da merkt man erst, was einem die letzten sieben Jahre gefehlt hat. Zumindest die Bewohner der Hauptstadt können sich schon einmal freuen, denn GARBAGE haben versprochen, bereits im nächsten Sommer nach Berlin zurückzukehren. Hoffentlich gibt es dann auch noch ein paar mehr Termine hierzulande!
Setlist GARBAGE:

1. Control

2. Paranoid

3. Shut Your Mouth

4. Why Do You Love Me

5. Hammering In My Head

6. Queer

7. Stupid Girl

8. Automatic Systematic Habit

9. #1 Crush

10. Supervixen

11. Special

12. Blood For Poppies

13. Cherry Lips

14. Battle In Me

15. Milk

16. Push It

17. Vow

18. You Look So Fine

19. When I Grow Up

20. Cup Of Coffee

21. I Hate Love

22. Not Your Kind Of People (feat. Ruby Marker)

23. Only Happy When It Rains

24. Thanks a million (Duke solo)



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Florian Hessler

Über Florian Hessler

Archäologe, Historiker und freier Journalist (u.a. Zillo Medieval, Sonic Seducer, Miroque, Metal-District, Piranha) floh.hessler(at)schubladenfrei.de
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