Nachlese: 72. Internationale Filmfestspiele Berlin

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Soll man mitten in der Omikron-Welle ein Mega-Event als Präsenzveranstaltung durchführen? Die Organisator*innen der 72. Internationalen Fimfestspiele Berlin haben diese Frage für sich bejaht und ernteten im Vorfeld des Events dafür nicht wenig Kritik und Gegenwind. Nun ist die diesjährige Berlinale Geschichte. Wie war es denn nun, das erste „echte“ Festival unter Pandemiebedingungen? Ein wie immer subjektiver Rückblick.

So sicher wie möglich

Um den Kritiker*innen möglichst viel Wind aus den Segeln zu nehmen und nicht zum Superspreading-Event zu werden, war im Vorfeld ein umfangreiches und sehr strenges Sicherheitskonzept entwickelt. Zum Einen wurde der Premieren- und Wettbewerbs-Teil mit dem roten Teppich zeitlich komplett von den reinen Publikums-Vorführungen getrennt, die erst nach dem Wettbewerb und der Preisverleihung starteten. Die Fan Area am roten Teppich konnte man nur mit gültigem Impfnachweis betreten und es bestand Maskenpflicht. Zum anderen galten für alle Vorstellungen sehr strikte Regeln: Ein echtes 2G+, mit Testpflicht auch für Geboosterte und jeweils ein Sitz Abstand zwischen allen Personen im Saal, selbst wenn man zusammen gebucht hatte und zum gleichen Haushalt gehörte. Natürlich herrschte auch hier durchgängig Maskenpflicht, auch während der Vorstellung am Sitzplatz.

Dass trotzdem viele skeptisch blieben, zeigt die Tatsache, dass nicht alle Publikumsvorstellungen sofort ausgebucht waren, und dass trotz nur 50% Auslastung der Kinosäle. Natürlich waren im Endeffekt dann doch alle Vorstellungen voll, aber dass noch Tage nach Vorverkaufsstart im Radio freie Plätze für einige Filme gemeldet wurden, ist für die Berlinale recht ungewöhnlich.

Und auch was die VIP-Besucher anging, war die Star-Dichte schon mal höher. Vor alle vielem US-amerikanische Hollywoodgrößen glänzten – pandemiebedingt – in diesem Jahr mit Abwesenheit. Um so schöner, dass es sich zumindest viele Stars aus den europäischen Nachbarländern nicht nehmen ließen und der 72. Berlinale den nötigen Glamour verliehen.

 

La Berlinale Française?

Vor allem aus Frankreich kamen hochkarätige Gäste, wobei besonders die Damen stark vertreten waren: Regisseurin Claire Denis, die mit ihrem Film „Avec amour et acharnement“ im Wettbewerb vertreten war, kam zusammen mit Hauptdarstellerin Juliette Binoche, und durfte sich am Ende über den silbernen Bären für die beste Regie freuen. Ebenfalls im Wettbewerb lief der Film „Les passagers de la nuit“ von Mikhaël Hers, der mit Charlotte Gainsbourg, Emmanuelle Béart und Shooting Star Noée Abita gleich drei starke Frauen des französischen Kinos auf dem roten Berlinale-Teppich versammelte. Auch Valeria Bruni Tedeschi, Schwester der ehemaligen französischen First Lady und Hauptdarstellerin des Wettbewerbsfilms „La Ligne“, war zu Gast in der Hauptstadt. Einzig die Preisträgerin des goldenen Ehrenbären, Isabelle Huppert, die für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wurde, musste ihr Kommen zwei Tage vor der Preisverleihung kurzfristig absagen, da sie positiv auf das Coronavirus getestet worden war. Sie wurde per Videostream aus Paris zugeschaltet.

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Aber nicht nur auf dem roten Teppich, man muss allgemein sagen: so französisch war die Berlinale lange nicht mehr! Insgesamt waren unter den 18 Wettbewerbs-Beiträgen in diesem Jahr neun französische Produktionen oder Co-Produktionen – bemerkenswert! Neben dem bereits erwähnten „Avec amour et acharnement“ wurde ein weiterer dieser Filme ausgezeichnet und zwar mit einem silbernen Bären für die herausragende künstlerische Leistung, der zu gleichen Teilen an Regisseur Rithy Panh und Szenenbildnerin Sarith Mang ging. Die französisch-kambodschanische Co-Produktion „Everything will be ok“ stellt die Frage, ob es wohl besser wäre, wenn die Tiere die Menschheit unterwerfen und die Herrschaft über den Planeten übernehmen. Eine dystopische Collage aus abgefilmten, mit viel Liebe zum Detail gestalteten Dioramen und Realfilm-Schnipseln, die von dokumentarischen Szenen bis zu Fritz Langs „Metropolis“ reichen. Experimentell, düster, verstörend und durch die zum Teil sehr drastischen Bilder in jedem Fall nichts für Zartbesaitete.

Erwähnenswert ist definitiv auch noch die Dokumentation „Allons Enfants (Rookies)“ von Thierry Demaizière und Alban Teurlai, die in der Sektion „Berlinale Generations“ zu sehen war. Der Film begleitet den Schul-Alltag junger Hiphop-Tänzer und Tänzerinnen am Pariser Lycée Turgot und bietet nicht nur spektakuläre Tanzperformances sondern auch sehr spannende und bewegende Einblicke in die Lebensrealität junger Menschen aus unterschiedlichen Milieus in der französischen Hauptstadt. Prädikat: Sehr empfehlenswert!

Wer war sonst noch da?

Ein weiteres Highlight der diesjährigen Berlinale war mit Sicherheit der Auftritt der britischen Schauspielerin Emma Thompson, die zusammen mit Regisseurin Sophie Hyde den Film „Good luck to you, Leo Grande“ vorstellte. Die zweifache Oscar-Gewinnerin setzt mit ihrer Leistung in dem Film ein starkes Zeichen für weibliche sexuelle Selbstermächtigung und ihr beeindruckendes Statement zum Thema „Körper-(Selbst-)Bild“ aus der Pressekonferenz ist einer der bleibenden Momente der Berlinale 2022.

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Auch „Game of Thrones“ Fans kamen auf ihre Kosten: Der dänische Star Nikolaj Coster-Waldau ließ es sich gemäß dem Motto „The Lannisters always pay their debts“ ebenfalls nicht nehmen, zur Weltpremiere seines neuen Films „Against the Ice“ persönlich zu erscheinen. Das Arktis-Drama um die Suchexpedition nach den dänischen verschollenen dänischen Forschern Ludvig Mylius-Erichsen und Niels Peter Høeg-Hagen, die 1908 in Nordost-Grönland verschollen waren, lief allerdings nicht im Wettbewerb, sondern in der Sektion „Berlinale Special“.

Ebenfalls anwesend war die spanische Schaupielerin Laia Costa, die als Hauptdarstellerin des 2015er Publikums-Hits „Victoria“ im gleichen Jahr mit dem deutschen Filmpreis ausgezeichnet wurde. Sie stellte ihren neuen Film „Cinco lobitos (Lullaby)“ vor, ein Familiendrama, das sich besonders mit der Situation junger Eltern, der Vereinbarkeit von Beruf und Familie und dabei besonders der generationenübergreifenden Rolle der Frauen als Fürsorgerinnen auseinandersetzt.

Und das Flair?

Ganz wie früher fühlte es sich zwar (noch) nicht an, doch immerhin, ein wenig des alten Glamours war wieder da. Allerdings versammelten sich im Vergleich zu früheren Jahren vergleichsweise recht wenige Fans am roten Teppich. Ob dies daran lag, dass viele keine Lust hatten, vor Betreten der „Fan-Area“ den Impfnachweis vorzuzeigen und eine Maske zu tragen, oder ob es doch die Sorge vor der realen Ansteckungsgefahr im dichten Gedränge bei der Schlacht um Autogramme und Selfies war, lässt sich nur schwer beantworten. Für nicht-akkreditierte Fotografen war die Leere an den Absperrgittern zwar eindeutig ein Segen, hatte man doch so die Möglichkeit ganz entspannt und ganz ohne Geschubse ein paar schöne Schnappschüsse zu erhaschen. Für die besondere Stimmung, die sonst beim Defilee der Stars über den roten Teppich herrscht, wären ein paar mehr jubelnde Fans aber durchaus nett gewesen.

Was die Berlinale im Vergleich zu den anderen europäischen Hochkaräter-Festivals schon immer ausgezeichnet hat, war aber auch in diesem Jahr deutlich zu spüren: der eher ruppige Charme des Ganzen, der auch viel mit dem Wesen Berlins zu tun hat. Leider ist mir entfallen, von wem genau das Zitat stammt, aber einer der internationalen (Promi-)Gäste des Festivals sagte sinngemäß vor einigen Jahren über das Flair des Berlinale-Palasts, dass man in Cannes, wenn man nach der Premiere aus dem Kino komme, auf die Croisette und in Venedig auf den Canale Grande blicke, in Berlin hingegen wäre es McDonalds. Dem lässt sich schwer widersprechen, denn auch wenn der Platz vor dem Berlinale-Palast den großen Namen Marlene Dietrichs trägt, wirklich schön ist er nicht. Noch krasser wird der Gegensatz, wenn man sich die Vorführungen in den Publikumskinos ansieht. So liefen beispielsweise die Publikumsfilme im Steglitzer Titania-Palast – immerhin eine der altwehrwürdigsten Berliner Spielstätten – in diesem Jahr lediglich in einem Saal, parallel zum regulären Kinobetrieb. Bei der Vorstellung am frühen Samstagabend hieß dies, dass das Kino noch gefüllt war mit den jungen Besucher*innen der Kinderfilme im Nachmittagsprogramm, und der gesamte Boden im Foyer bestand aus einem Meer von zertretenem Popcorn, über das man sich knirschend zum Festival-Saal vorkämpfen musste. Dass dann in diesem, wie bei allen Berlinale-Vorstellungen, ein striktes Verzehrverbot galt (warum eigentlich?) wirkte im Hinblick darauf etwas lächerlich.  Noch krasser der Gegensatz beim Cubix am Alexanderplatz. Während das Premierenpublikum am Berlinale-Palast ja zumindest noch ein wenig Atmosphäre mit rotem Teppich, Scheinwerferlicht und Blitzlichtgewitter genießen konnte (und zumindest beim Reingehen hat man das erwähnte Fastfood-Restaurant ja im Rücken und damit außer Sicht), stellte sich die Eingangssituation für das gemeine Publikum am Cubix so dar:

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Recht wenig glamourös, aber trotzdem irgendwie passend zur Stadt. Dit is eben Balin, wa?

Zum guten Schluss: Wer hat gewonnen?

Was die Entscheidung angeht, das Festival als Präsenzveranstaltung durchzuführen so kann man dies eindeutig beantworten: Alle! Sowohl Filmschaffende wie auch das Publikum. Das zugegeben gewagte Experiment ist rundherum gelungen und hat damit einmal mehr zwei Dinge gezeigt: Zum einen, dass Kultur auf Dauer nicht ohne Publikumskontakt stattfinden kann. Online-Events mögen im äußersten Notfall eine gute Möglichkeit der Überbrückung darstellen, ein Ersatz für den direkten Austausch zwischen Machern und Besuchern können sie jedoch nicht sein. Und zum anderen hat die Berlinale 2022 auch wunderbar bewiesen, dass bei entsprechend strengen Vorsichtsmaßnahmen kulturelle Großveranstaltungen auch unter Pandemiebedingungen möglich sind.

Aber apropos Gewinner, Preise gab es ja auch… Neben den oben bereits erwähnten Preisträgern müssen natürlich noch ein paar andere erwähnt werden. Zuallererst auf jeden Fall der von der Jury mit dem goldenen Bären prämierte Gewinner-Film „Alcarràs“ von Regisseurin Carla Simón, der am Beispiel einer katalonischen Familie, deren Pfirsichplantage einer Solaranlage weichen soll, das Verhältnis zwischen Tradition und Moderne beleuchtet und dem Zuschauer damit auf subtile Weise hochaktuelle politische Themen näherbringt.

Ausgezeichnet wurde auch die deutsch-türkische Schauspielerin Meltem Kaptan. In dem auf wahren Ereignissen beruhenden Film „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ von Regisseur Andreas Dresen verkörpert Sie die Titelheldin, eine Mutter, deren Sohn in der Nachfolge der Ereignisse vom 11. September 2001 plötzlich des Terrorismus bezichtigt und in das berüchtigte Gefangenenlager Guantanamo verfrachtet wird. Für Ihre kraftvolle und überzeugende Darstellung dieser außergewöhnlichen Frau, die für die Freiheit ihres Sohnes bis vor den US Supreme Court ging, erhielt Kaptan absolut zu Recht den silbernen Bären für die beste Hauptdarstellerin. Und damit nicht genug: Auch Laila Stieler, die das Drehbuch zum Film geschrieben hatte, durfte dafür einen silbernen Bären entgegennehmen.

Der Preis für die beste Nebendarstellerin ging in diesem Jahr an die indonesische Schauspielerin Laura Basuki, für ihre Rolle der Fleischerin Ino im Film „Nana (Before, Now & Then)“ von Regisseurin Kamila Andini.

Man könnte die Aufzählung jetzt fortsetzen, doch das würde bei der schier endlosen Menge an Preisen, die bei der Berlinale vergeben werden, den Rahmen dieses Artikels definitiv sprengen. Das offizielle 13-seitige (!) PDF mit der Liste aller Preisträger*innen findet Ihr hier.

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Florian Hessler

Über Florian Hessler

Archäologe, Historiker und freier Journalist (u.a. Zillo Medieval, Sonic Seducer, Miroque, Metal-District, Piranha) floh.hessler(at)schubladenfrei.de
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