WARDRUNA / KAUNAN – Berlin, Huxleys

Wardruna1Livekonzerte von WARDRUNA sind hierzulande ja eher eine Seltenheit. Nachdem die Band bei ihrer Europatournee im November letzten Jahres lediglich in Leipzig Station gemacht hatte, standen bei der diesjährigen Herbsttour mit Heidelberg und Berlin zumindest zwei deutsche Städte auf dem Plan. Für den Zuspruch, den die Norweger derzeit bekommen ist das natürlich immer noch zu wenig und so war es nicht verwunderlich, dass das Konzert im Neuköllner Huxleys restlos ausverkauft war.

Schon als man sich der Halle näherte, sah man eine lange Schlange, die vom Hof bis hinaus auf den Bürgersteig reichte. Der Kultstatus, den die Nordic-Mystic-Folker inzwischen erlangt haben, ist hauptsächlich auf die kanadisch-irische Fernsehserie „Vikings“ zurückzuführen. Nachdem bereits in der ersten Staffel der History-Channel-Produktion einige der Songs von WARDRUNA auftauchten, arbeitet Mastermind und Frontmann Einar Selvik seit der zweiten Staffel eng mit dem Soundtrack-Komponisten Trevor Morris zusammen. Inzwischen hatte er sogar zwei kleine schauspielerische Gastauftritt in der Serie (in Episode III/6 und IV/6 als Schamane).

Kaunan3Doch bevor Meister Selvik und seine Mitstreiter die Bühne betraten, gab es erst einmal einen Supportact zu genießen und das ist in dem Fall wörtlich zu nehmen, denn die Musik von KAUNAN ist es alleine schon wert, ein Konzert zu besuchen. Oliver S. Tyr, Boris Koller und Göran Hallmarken haben es sich auf die Fahnen geschrieben, die alte skandinavische Tanzmusik wieder mit Leben zu füllen und die traditionellen Polskor und Walzer des Trios bringen das Tanzbein ganz automatisch zum Zucken oder laden – bei weniger bewegungsaffinen Menschen – zumindest zum Mitwippen ein.

Kaunan7Obwohl die Tunes derart energiegeladen daherkamen, riss es die Musiker in keinem Moment von ihren Stühlen. Kein Wunder, denn ein Motto der Band, das sie auch auf ihrer Facebookseite propagiert, lautet: „Wir werden niemals stehen!“ Nun gut, einst schworen die drei auch, sie seien ein reines Liveprojekt und würden nie eine CD aufnehmen. Diesem Vorsatz ist die Gruppe nach neun (!) Jahren mit ihrem Debüt „Forn“ nun ja bekanntlich untreu geworden und Oli wurde an diesem Abend auch nicht müde, in seinen Ansagen auf den Silberling hinzuweisen („sonst schlagen mich meine Bandkollegen“). Vielleicht erleben wir ja auch irgendwann noch ein KAUNAN-Konzert im Stehen? Aber eigentlich egal, denn auch festgeklebt auf ihren Stühlen machen die drei gehörig Dampf.

Kaunan4Ein wenig enttäuschend war nur, dass der Song „Vallåt“, bei dem Einar auf der CD als Gast mitsingt, nicht Teil der Setlist war. Klar fehlte da noch seine Duettpartnerin vom Album, Maria Franz, aber wenn schon mal 50% des Duos anwesend waren, hätte man das doch eigentlich machen können, schließlich wäre Lindy Fay Hella ja kein schlechter Ersatz gewesen. Schade. Aber das war auch schon der einzige Wermutstropfen. Ansonsten waren KAUNAN an dem Abend eine wunderbare Einstimmung auf WARDRUNA.

Die setzten nach der guten Performance ihrer Vorband erwartungsgemäß noch einen drauf. Angefangen mit dem genialen Intro „Tyr“, bei dem zwei Nachbauten bronzezeitlicher Luren zum Einsatz kamen, bis zum genialen Schlusspunkt, der Zugabe mit Einars Solo-Performance von „Snake Pit Poetry“, zelebrierten die Norweger Musik aus einer anderen Welt.

Wardruna7Natürlich waren Einar und Lindy Fay Hella schon allein wegen des Gesangs die beiden, die bei der Show klar im Fokus standen, man sollte jedoch dabei auch die anderen Bandmitglieder nicht vergessen. Die standen zwar im wahrsten Sinne des Wortes, auch was die (übrigens sehr geniale) Lightshow angeht, oft im Schatten, aber die Musik von WARDRUNA funktioniert als Einheit.

Das, was die Band da ablieferte, ist schwer in Worte zu fassen, es war jedenfalls mehr als ein normales Konzert. Das hatte schon eher etwas von einer spirituellen Erfahrung. Ich will um Gottes Willen (haha!) das Ganze jetzt nicht zu sehr religiös überhöhen. Das Gefühl ist in diesem Fall übrigens auch nicht an eine bestimmte Religion oder Region gebunden. Im Gegenteil, ich denke, dass auch jemand, der mit nordischer Musik oder Mythologie sonst nichts am Hut hat, beispielsweise jemand aus Afrika oder Asien, in diesem Live-Moment den speziellen Charakter der Musik erkannt und gespürt hätte, wenn er auch nur ein klein wenig offen für derartige Schwingungen ist. (Es soll ja so Menschen geben, an denen Musik generell abprallt wie an einem Stein…)

Wardruna3Die Musik wurde auch lange von keinen Ansagen unterbrochen, erst vor dem letzten Song des regulären Sets wandte sich Einar ans Publikum. Abgesehen davon, dass er sich beinahe ungläubig beim Publikum bedankte für so viel Interesse und Unterstützung, machte er, vielleicht auch für ein paar unbelehrbare Zwischenrufer im Saal noch einmal klar, dass es bei WARDRUNA nicht darum geht, die Vergangenheit zu romantisieren, sondern, auf der Grundlage von etwas Altem, etwas Neues zu erschaffen. Früher, so Einar war die Musik Teil des Lebens und begleitete die Menschen bei Ereignissen Aussaat und Ernte, aber auch Geburt und Tod. Bei Begräbnissen wurden die Menschen mit den Liedern in die nächste Welt begleitet. „Das letzte Lied ‚Helvegen‘ ist aus dieser Idee geboren: Wer singt mich rüber, wenn ich sterbe?“

Wardruna6Der Song bildete dann auch einen großartigen Höhe- und Schlusspunkt, der fast nicht mehr zu toppen war. Das ging tatsächlich nur noch mit der bereits erwähnten Solo-Zugabe von Einar. Die kürzlich als EP erschienene Vertonung eines Gedichts von Ragnar Lodbrok war in ihrer Reduziertheit tatsächlich die einzig noch mögliche Steigerung, die das Gänsehaut-Reibeisen nochmal eine Nummer gröber einzustellen vermochte. Ganz, ganz großes Kino!

Setlist WARDRUNA:
1. Tyr
2. Wunjo
3. Bjarkan
4. Heimta Thurs
5. Runaljod
6. Raido
7. Isa
8. Jara
9. Algir – Stien klarnar
10. Dagr
11. Rotlaust tre fell
12. Fehu
13. NaudiR
14. Odal
15. Helvegen
Zugabe (Einar solo):
16. Snake pit poetry

 

(Setlist von Setlist.fm)

 



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Florian Hessler

Über Florian Hessler

Archäologe, Historiker und freier Journalist (u.a. Zillo Medieval, Sonic Seducer, Miroque, Metal-District, Piranha) floh.hessler(at)schubladenfrei.de
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