Interview – HELENE BLUM

HELENE BLUM © Sigrid Nygaard - 1000x667Das neue Album der dänischen Folkmusikerin HELENE BLUM hat uns bereits nach dem ersten Hören begeistert. Nun hatten wir die Gelegenheit, der Künstlerin ein paar Fragen dazu zu stellen. Nicht nur in ihren Songs, auch im Interview zeigt sich Helene als feinsinnige Poetin, die trotzdem mitten im Leben steht und auch vor deutlichen politischen Aussagen nicht zurückschreckt.

Ich mag den Titel Deines neuen Albums. Ich finde, das Bild von kleinen „Zeit-Tropfen“ hat etwas sehr poetisches. Die meisten sehen Zeit ja als etwas lineares, als eine Art unaufhaltsames Monster, wahrscheinlich weil sie nicht gerne älter werden. Ich weiß, dass das jetzt eine ziemlich philosophische Frage gleich zu Beginn ist, aber was ist „Zeit“ für Dich, was bedeutet sie Dir?

Die Zeit, das sind unsere Geschichten und Möglichkeiten. Zeit ist das, was Du daraus machst. Wenn man traurig ist, sehnt man sich nach der Zukunft und wenn man Dinge bedauert, bedeutet das, dass man möglicherweise in der Vergangenheit gefangen ist. Für mich ist die Zeit eine sanfte Welle, auf der ich schwimme und die mich in die Zukunft trägt oder in Gedanken zurück in die Vergangenheit. Die Zeit auf diese Weise zu sehen, hat für mich viel verändert.

Der Titel des Albums und die Songs sind in Dänisch. Für die Tour wurde der Titel ins Englische übersetzt. Warum habt Ihr das nicht in Dänisch belassen?

Die Tour geht durch mehrere europäische Länder und auch nach Nordamerika, also haben wir uns für einen Titel entschieden, der jeden anspricht. Natürlich ist das ganze Songmaterial in Dänisch, aber ich hoffe, dass der übersetzte Titel wie ein kleines Fenster wirkt, durch das die Menschen einen kleinen Blick in unsere Welt erhaschen können und Zugang zu unseren Konzerten finden.

Die CD läuft unter „Solo“-Album, aber zumindest im Live-Kontext arbeitest Du viel mit Deinem Mann HARALD HAUGAARD zusammen und Ihr seid ja meist, wie auch in diesem Fall, auch als Studio-Musiker auf den Alben des jeweils anderen vertreten. Inwieweit beeinflusst Ihr Euch gegenseitig auch beim Schreiben der Songs?

Oft schreiben wir die Songs und Melodien sogar zusammen, also zum Beispiel arbeitet einer an „Teil A“ und der andere an „Teil B“. Aber was unsere „Soloalben“ heutzutage angeht, suchen wir sozusagen jeder nach Inspiration in seinem jeweiligen Feld. Ich denke, in einer Beziehung wie auch in einer Arbeitspartnerschaft zwischen zwei Leuten muss das ein bisschen sein wie bei zwei Bäumen, die sehr stolz und kräftig dastehen, mit Wurzeln, die tief im Boden verankert sind. Dann können sich die Baumkronen aneinander lehnen, sich durchdringen und inspirieren, sich gegenseitig Trost und Schutz bei Stürmen bieten und zusammen stark sein. Für mich ist es aber natürlich auch sehr wichtig, meinen eigenen Kreativraum zu haben und auch Musiker und Produzenten aus anderen Genres oder Bereichen einzuladen, Teil meiner Musik zu sein. Harald und ich sind da in einem fortwährenden Austauschprozess, bei dem wir uns gegenseitig Musik vorspielen und darüber sprechen. Wir testen neue Ideen, um dann die Meinung des jeweils anderen zu hören.

Einige der neuen Songs („Barn Rødkindet“, „Din Fod Skal Gå“ ) drehen sich um Kinder, beziehungsweise um das Glück, Kinder zu haben. Du bist selbst vor ein paar Jahren Mutter geworden. Wie hat das Deine Sicht aufs Leben beeinflusst?

Es hat mich sehr verändert. Auch hier ist es wieder das Bild eines Baums, das wohl meinem Herzen am nächsten ist. Von meinen Wurzeln über die Umsetzung meiner Projekte bis hin zu dem, was ich mit meinem Leben machen will, all das hat irgendwie viel mehr Richtung bekommen nach der Geburt meiner zwei Kinder. Plötzlich hat man etwas, für das man kämpfen will, und man muss sozusagen immer die beste Version seiner selbst sein. Ich bin seitdem mutiger, ich gehe auch Risiken ein und traue mich, mehr von mir selbst zu zeigen. Mein Musikerleben, das ständige unterwegs sein, hat sich allerdings kaum verändert dadurch. Ich bin immer noch eine vielbeschäftigte Sängerin, die die meiste Zeit auf Tour ist. Aber vielleicht, wenn wir Schwierigkeiten unterwegs haben und es dann endlich bis zum Veranstaltungsort geschafft haben, vielleicht gehe ich dann auf die Bühne und spiele und singe deshalb wie niemals zuvor. Anders würde es keinen Sinn machen.

HELENE BLUM beim Rudolstadt-Festival 2016

HELENE BLUM beim Rudolstadt-Festival 2016

Das bringt mich zur nächsten Frage: Wie schaffst Du das eigentlich, gleichzeitig zweifache Mutter und Musikerin zu sein, vor allem, weil Ihr ja fast immer beide gleichzeitig unterwegs seid? Nehmt Ihr Eure Kinder mit auf Tour?

Manchmal sind sie dabei, wenn es mehr als nur ein paar Tage sind. Es ist so eine Art Sport. Man muss das trainieren und jedes Jahr besser werden, das erfordert wirklich harte Disziplin. Eigentlich bin ich nämlich gar nicht gut darin, mein privates Leben und die Arbeit zu verbinden, denn ich konzentriere mich normalerweise zu 100 Prozent auf das, was ich gerade in diesem Moment tue. Ich glaube am schwierigsten war für mich die Zeit, in der ich dachte, dass all meine Inspiration und Kraft weg sei. Aber das lag einfach nur daran, dass ich über lange Zeit ständig nur müde war.

„Et Øjebliks Stilhed“ handelt vom dänisch-deutschen Krieg im 19. Jahrhundert. Was hat Dich veranlasst, den Song zu schreiben? Auch einige der anderen Texte, die Du vertont hast, stammen ja ungefähr aus dieser Zeit. Ist die deutsche Besatzung etwas, das auch heute noch präsent ist in den Köpfen der Menschen in Dänemark? Findet darüber noch eine öffentliche Diskussion statt?

Ich habe den Song anlässlich einer Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an den 150. Jahrestag des Kriegsausbruchs geschrieben, bei der ich aufgetreten bin. Es war ein großer Tag für mich und es hat mich dazu gebracht, viel über die dänische Geschichte nachzudenken und auch darüber, dass es in meiner Generation einige gibt, die sich vielleicht nicht so viel für Geschichte interessieren, weil wir in der relativ sicheren Zeit der 1980er Jahre aufgewachsen sind.
Wir wissen zwar recht viel über den zweiten Weltkrieg, aber selbst ich, die ich schon seit ich fünf Jahre alt war immer wieder von meinen Eltern mit ins Museum und zu den alten Denkmälern mitgenommen wurde, habe Schwierigkeiten, mir die Zeit vor dem zweiten Weltkrieg vorzustellen und zu verstehen, wie wichtig diese war.
Ich denke, an diesem Tag ist mir einfach schlagartig bewusst geworden, wie groß der Konflikt 1864 eigentlich war und dass die Menschen in diesem Teil der Welt nun friedlich Seite an Seite leben. Sie haben sich entschieden, Frieden zu schließen und an die Hoffnung zu glauben und nicht an den Krieg. Heute können wir unsere Musik auf der Bühne mit Leuten auf beiden Seiten der Grenze teilen.
Ich denke, dass die heutigen Krisen auf der Welt und in Europa uns dazu bringen, mehr über die Geschichte und das Schicksal vergangener wie zukünftiger Generationen nachzudenken. Ich glaube fest daran, dass uns Information, Bildung und Güte auf diesem Weg weiterhelfen können. Daran, dass wir lokal handeln und dadurch auch auf globaler Ebene etwas erreichen können. Es macht mir Angst, welch fatale Entscheidungen die dänische Regierung heutzutage trifft und dass sie mit falscher Symbolpolitik arbeitet. Das ist nicht in Ordnung. Ich fühle nach wie vor, dass uns die Menschen rund um den Globus positiv gegenüberstehen und ihre Türen öffnen, wenn sie Menschen aus Dänemark treffen. Ich bete dafür, dass diese positive Einstellung uns gegenüber bestehen bleibt und ich wünschte, dass wir, auch wenn wir nur eine sehr kleine Nation sind, mit guten Beispielen vorangehen würden und nicht mit schlechten.

Einige der Songs beziehungsweise Texte auf dem Album stammen nicht von Dir, sondern von zum Teil sehr bekannten dänischen Schriftstellern und Dichtern, wie Sophus Claussen, Jens Peter Jacobsen oder Harald Bergstedt. Warum hast Du diese Texte ausgewählt und was bedeuten sie Dir?

Ich fühle mich immerwährend von Inspiration umgeben. Das soll heißen, ich werde sehr schnell und leicht von etwas inspiriert. Das kann ein Waldspaziergang sein oder wenn ich das Radio einschalte oder ein Buch öffne. Vielleicht sind es meine Zweifel und meine lebenslange Suche nach Antworten, die mich dazu bringen, Dinge zu analysieren oder mich einfach vorwärts bringen.
Sophus Claussen hat mich schon über die letzten Jahre begleitet. Sobald ich eines seiner Bücher öffne, höre ich die Musik, die aus den Gedichten klingt. Seine Worte sind so reich an Bildern, Assoziationen und Gefühlen.
Das Gedicht von J.P. Jacobsen habe ich eines Tags im Radio gehört und es hat mich einfach angesprochen, wie es vom kommenden Frühling erzählt, der überall ist, nur nicht in seinem Herzen.
Der Harald Bergstedt – Text „Solen er så rød mor“ ist ein in Dänemark sehr bekanntes Wiegenlied, mit der Musik unseres Nationalkomponisten Carl Nielsen. Das Lied wurde zu einem meiner Lieblingssstücke, als wir 2014 anlässlich des 150. Geburtstags von Nielsen (dessen Vater übrigens im Krieg von 1864 gekämpft hat) mit dem Symphonieorchester Odense zusammengearbeitet haben. Es sind oft solche Kooperationen und Projekte mit anderen Musikern, die mich dazu inspirieren, einen bestimmten Text oder Song auszuwählen. „Barn Rødkindet“ habe ich tatsächlich nicht so sehr wegen des Textes sondern eher aufgrund des Komponisten Pelle Gudmundsen-Holmgreen ausgewählt. Ich liebe neue klassische Musik und in seinem Universum gibt es etwas, das zu mir spricht. Der Text ist sehr simpel, aber natürlich auch sehr stark. Und wenn man ein wenig über den Hintergrund der Autorin Charlotte Strandgård weiß, dann weiß man auch, dass das nicht nur alles süß ist, sondern dass da auch eine Menge Dunkelheit dahinter steckt.
Songs müssen mir eine Geschichte erzählen. Ich möchte über etwas Substantielles singen.

HARALD HAUGAARD und HELENE BLUM beim Rudolstadt-Festival 2016

HARALD HAUGAARD und HELENE BLUM beim Rudolstadt-Festival 2016

Was können wir von der Tour erwarten. Wirst Du alle neuen Songs live spielen?

Das ist meine erste Veröffentlichung seit vier Jahren, also werden wir in der Tat fast alle Songs des Albums spielen. Es gibt den Konzerten auch immer so viel neue Energie und viele neue Klänge und ist Inspiration und Herausforderung zugleich, wenn neues Material dabei ist. Wir sind voller Erwartungen und fühlen uns ein bisschen wie Pferde, die endlich losrennen wollen, hinaus auf die Frühlingswiese.

Ihr habt erst vor ein paar Monaten das „Julerosen“-Album veröffentlicht und wart damit auf Weihnachtstour, nun das Release von „Dråber af tid“ und wieder eine Tour. Was kommt danach? Gibt es schon ein neues Projekt, an dem Du arbeitest? Oder gönnst Du Dir dann erst einmal eine wohlverdiente Pause?

Ich arbeite tatsächlich schon an einigen neuen Projekten. Im Moment arbeiten wir sehr viel mit dem Pianisten Christoffer Møller zusammen, der auch auf „Dråber af tid“ gespielt hat. Und ich habe ein paar Ideen für eine neue Veröffentlichung, die etwas ganz anderes werden wird. Dazu kann ich allerdings noch nicht viel sagen. Aber ich denke, ich kann sicher sagen, dass die Musik mich und die Band ständig zu neuen Orten führen wird, denn wir wollen uns bewegen und in Bewegung bleiben. Dagegen können wir uns einfach nicht wehren. [lacht]

Wir bedanken uns für das nette Interview und freuen uns schon auf die Tour.

Unsere Rezension zum Album findet Ihr hier.

Titelbild © Sigrid Nygaard.

 



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Florian Hessler

Über Florian Hessler

Archäologe, Historiker und freier Journalist (u.a. Zillo Medieval, Sonic Seducer, Miroque, Metal-District, Piranha) floh.hessler(at)schubladenfrei.de
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