FIONA – „Of Rivers And Tides“ (CD-Review)

FIONA - Of Rivers And Tides - CoverAls Dudelsackspielerin, Flötistin und Sängerin bei FAUN gehört sie sozusagen zu den „Godmothers of Pagan Folk“. Nun hat FIONA Frewert ihr erstes Solowerk veröffentlicht, auf dem sie sich ihrem ältesten Lieblingsinstrument zuwendet – dem Klavier. Nachdem man das Album gehört hat, möchte man sie eigentlich nichts anderes mehr spielen hören…

Eigentlich habe ich zum Klavier ein zwiespältiges Verhältnis. Meist ziehe ich gestrichene, gezupfte oder geblasene Instrumente (ja, sogar Dudelsack!) vor, und wenn es schon Tasten sein müssen, dann bitteschön Akkordeon. In ganz seltenen Fällen jedoch mag ich Klaviermusik. Und wenn ich sie mal gut finde, dann meist so richtig. Das Album von FIONA bestätigt dann auch als eine dieser Ausnahmen genau diese Regel, denn die Musik auf „Of Rivers And Tides“ berührt mich wirklich vom ersten bis zum letzten Stück. Und Stücke sind es, keine Lieder, die FIONA hier präsentiert. Die CD ist (fast) rein instrumental gehalten, lediglich bei „Wassermann“, übrigens ein altes Volkslied, das auch FAUN im Repertoire haben, durfte Ex-Kollegin Sonja Drakulich (STELLAMARA) ein wenig „Sirenengesang“ beisteuern.

Sie ist nicht der einzige Gast auf dem Album. Sandra Elflein (FAEY), ebenfalls eine Ex-FAUN-Kollegin, hat die Geige beim Opener „Homelands“ eingespielt, Maya Friedmann, die auch auf der letzten FAUN-Tour als Gast dabei war, steuert das Cello zu „Bal Folk“ bei, Helen Flaherty (SHANTALLA) klopft die Bodhrán zum „Irish Medley“ und zu „Rhiannon“ (ein weiterer alter FAUN-Song), Stefan Avellis zupft den Bass beim „Spring Waltz“ und Co-Produzent Alex Schulz (FOLK NOIR) ist für Percussion, Drums und Programming verantwortlich. Flötentöne gibt es auch, diese wurden aber natürlich alle von FIONA selbst eingespielt. Das klingt jetzt nach einem ganzen Orchester, doch gottseidank wurden die Gastmusiker sehr dezent eingesetzt. Bis auf eine Ausnahme („Bal Folk“) ist immer nur einer pro Song zu hören, das Klavier steht durchweg im Vordergrund. Wie eingangs schon erwähnt, ist es eher ungewöhnlich, wenn ich hier sage: und das ist auch gut so. Tatsächlich ist es mir an manchen Stellen sogar fast schon zu viel Begleitung und ich hätte es mir noch puristischer gewünscht.

Noch seltsamer mutet mir dieses Urteil an, wenn man bedenkt, dass ein Teil des Albums aus irischen Traditionals besteht. In Verbindung mit Irish Folk ist mein gespaltenes Verhältnis zum Klavier nämlich noch schwieriger als sowieso schon. In 99% aller Fälle begeistert es mich da nicht, ist mir entweder zu klassisch, zu jazzig oder zu poppig. Aber egal ob es fröhlich flirrt wie beim „Monaghan Jig“ oder klingt wie perlende Wassertropfen wie beim Anfang vom „Irish Medley“, hier trifft es genau ins Herz meiner kontinental-inselkeltischen Seele.

Das Album ist durchzogen von einer gewissen Grundmelancholie und Sehnsucht, die nicht nur vordergründig bei entsprechenden Stücken wie „Farewell“ oder „Childhood Days“ spürbar wird, sondern auch bei lebhafteren Tunes wie dem bereits angesprochenen „Monaghan Jig“ durchscheint. (Was für irische Tanzmusik ja aber bekanntlich auch nichts völlig untypisches ist.) Damit ist „Of Rivers And Tides“, obwohl auch ein „Spring Waltz“ enthalten ist, vielleicht nicht unbedingt das Album, zu dem man bei strahlendem Sonnenschein über Frühlingswiesen tollt. Wohl aber eines, zu dem man auf eben diesen nachts am Lagerfeuer den Sternenhimmel genießt. Denn bei aller Melancholie verströmt die Musik eine unheimlich positive, erdende Kraft.

Man könnte die Mischung aus Eigenkompositionen, Klassik und Folk am besten mit guter Filmmusik vergleichen. Da werden beim Hören nicht nur Stimmungen evoziert, sondern Gedanken und Träume freigesetzt und umgekehrt bildet die Musik wiederum den Soundtrack zum ganz eigenen Kopfkino des jeweiligen Hörers. In der Biologie würde man von einer perfekten Symbiose sprechen, aber ein derart akademischer Begriff würde dem Album keinesfalls gerecht. Be- und verzaubernd trifft es da viel eher. Oder auch bewegend und im wunderschönsten Sinne zeitlos. Auf jeden Fall ein verdammt guter Beleg dafür, dass Musik pure Magie sein kann.

Fazit: Natürlich möchte ich, entgegen obiger Behauptung, die Künstlerin auch weiterhin sehr gerne an Säcken und Flöten und vor allem auch singen hören. Aber bitte, bitte liebe FIONA, auch noch viel mehr hiervon! Mehr Klavier!

 

FIONA
Of Rivers and Tides
Celtic Classic Productions
2017

 

Tracklist:

1. Homelands
2. Spring Waltz
3. Monaghan Jig
4. Get Trall
5. Bal Folk
6. Wassermann
7. Farewell
8. Childhood Days
9. Irish Medley
10. Walking The Forest
11. Rhiannon
12. Of Rivers And Tides

 

Credits:
Produktion: Fiona Frewert, Alex Schulz
Recording & Mixing: Alex Schulz / Tonschale Studios
Mastering: Eroc
Layout & Fotos: katika medien
Artwork (Zeichnungen): Wiebke Turner / Donna Tinta



Teilen auf:
Florian Hessler

Über Florian Hessler

Archäologe, Historiker und freier Journalist (u.a. Zillo Medieval, Sonic Seducer, Miroque, Metal-District, Piranha) floh.hessler(at)schubladenfrei.de
Dieser Beitrag wurde unter Aktuelles, Gehört, Musik abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setzen Sie ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *