WALDKAUZ – „Mythos“ (CD-Review)

Mythos_CoverIch gestehe, als ich damals das erste Album der Nachwuchs-Paganfolker von WALDKAUZ hörte, dachte ich mir: Oh Gott, die x-te Kopie der großen Vorbilder, das braucht doch kein Mensch… Mit ihrem zweiten Studiowerk „Mythos“ straft mich das Quartett allerdings nachhaltig Lügen, denn das Ding läuft bei mir schon seit Tagen in Dauerschleife.

Yeah, sie klingen ein bisschen wie eine Hochzeit zwischen FAUN und OMNIA.“ Dieser Satz, mit dem ich mich zunächst in meinem Urteil bestätigt sah, fiel auf einem Festival in Berlin im Frühjahr 2016 und stammt von keiner anderen als Jenny Evans – Van der Harten (OMNIA). Um kein falsches Bild zu erwecken, darf man allerdings nicht verschweigen, dass er in Verbindung mit einem weiteren Satz ihrerseits fiel, nämlich „Kennst Du sie? Sie sind großartig!“ Von der Großartigkeit der Band ließ ich mich in der Folge bei mehreren Gelegenheiten, sozusagen Schritt für Schritt überzeugen, und zwar auf der Bühne. Da, das steht fest, machen WALDKAUZ nämlich wirklich Spaß und eine gute Liveband hat bei mir sowieso fast immer schon zu zwei Dritteln gewonnen.

Aber hier geht es ja nicht um eine Livekritik, sondern um das neue Studio-Werk der Band. Was hat sich darauf im Vergleich zum Vorgänger geändert? Eigentlich gar nicht so viel, aber Kleinigkeiten können manchmal viel ausmachen. Denn freilich haben WALDKAUZ mit „Mythos“ jetzt nicht das (Paganfolk-)Rad komplett neu erfunden, sondern bewegen sich Genre-üblich musikalisch fröhlich wildernd zwischen verschiedenen Folk-Stilen und Traditionen, von den keltischen Inseln bis in die Ukraine. Und natürlich klingt das bei einigen Songs manchmal stellenweise auch noch nach FAUN und OMNIA, je nachdem mal mehr nach den einen, mal mehr nach den anderen. Aber eben nicht nur und selbst in den Fällen wo es das tut, klingt es irgendwie nicht mehr nach einer ehrfürchtigen Kopie. Ganz im Gegenteil, in weiten Teilen wirkt das um einiges frischer und berührt mich mehr als alles, was die beiden Genre-Dinos in letzter Zeit so veröffentlicht haben. Wenn man bei dem eingangs erwähnten Bild der Hochzeit bleiben will, so könnte man sagen, dass es sich nun um das Kind aus dieser Verbindung handelt und damit um eine eigenständige Persönlichkeit, die mit diesem Album nachweislich flügge geworden ist. „Elterliche“ Unterstützung wäre demnach also gar nicht mehr vonnöten, und so ist Niel Mitras Remix von „Waldlandreich“ am Ende des Ganzen dann auch nicht mehr als ein schöner Bonus, denn der Song ist an und für sich schon erstklassig.

À propos… durchweg erstklassig ist auf „Mythos“ auch das Arrangement der Stücke und die Produktion. Vor allem bemerkenswert aber ist auf der Scheibe das Gespür der Band für Melodien, die sich sofort in Ohr und Herz festsetzen. Mit dem energiegeladenen „Baba Jaga“ etwa haben die Kauze definitiv meinen Frühlings-Gute-Laune-Tune für dieses Jahr geliefert, und er hat gute Chancen, es auch den Sommer über zu bleiben. Für mich nur ganz knapp dahinter das verträumtere und einfach nur zum Heulen schöne „Raigan Dannsa“, aber auch das etwas düstere „Father of Stone“ zählt zu meinen Favoriten auf dem Album. Dass ich jetzt hier diese vier Songs besonders herausgreife soll aber keineswegs heißen, dass der Rest schlechter ist. Das ist in diesem Moment eine rein persönliche Geschmacksfrage und andere werden mit Sicherheit ihre eigenen Lieblingsstücke finden. Bei der hochkarätigen Auswahl wäre es jedenfalls mehr als verwunderlich, wenn dem nicht so wäre.

In den neuen Songs der Nachteulen tummeln sich neben Hexen und versteinerten Zwergenkönigen unter anderem Wassermänner, mythische slawische Waldhüter und allerlei Feen-Volk. Der pagane Zauber dieser Erzählungen aus einer magischen Zeit wird nicht nur in der Musik spürbar, er findet sich auch in der liebevollen Gestaltung des Booklets wieder, das wie ein kleines Märchenbuch anmutet und in dem man nicht nur die Texte und wundervolle Grafiken sowie Hintergrundinfos zu einzelnen Stücken findet, sondern das auch noch manch andere Entdeckung bereithält.

Um abschließend noch einmal kurz zum Familien-Bild zurückzukehren… so ein Kind hat ja nicht nur Eltern, die es beeinflussen. Da gibt es noch jede Menge andere Verwandtschaft, die man vielleicht auch hier an der ein oder anderen Stelle herauszuhören glaubt. In manchen Fällen täuscht man sich da allerdings tatsächlich nicht. So haben „Tante“ Fieke und „Tante“ Sophie von CESAIR das Hackbrett beziehungsweise Cello zu „Baba Yaga“ beigesteuert, Sophie ist zudem auch noch bei „Am Wegesrand“ und „Vom Wassermann“ dabei. Jule von TRISKILIAN spendierte die Nyckelharpa-Parts zu „Leshy“ und der Kollege Shawn Hellmann von der KILLKENNY BAND ist bei „Baba Yaga“ und „Raigan Dannsa“ an der Akustikgitarre und bei „Ringaloo ya Merry-O“ an der Bodhran zu vernehmen.

Fazit: Manche Bands beeindrucken mit einem Hammer-Debüt und k….. danach ab, manche schleichen sich an und treffen erst mit ihrer zweiten Veröffentlichung ins Herz – dann aber richtig. „Mythos“ ist schon zu diesem Zeitpunkt definitiv eines meiner Lieblingsalben des Jahres!

 

WALDKAUZ
Mythos
Fuego (Indigo)
VÖ: 22.04.2017

 

Tracklist:

01. Zwielicht
02. Mati Syra Zemlya
03. Am Wegesrand
04. Ringaloo ya Merry-O
05. Father of Stone
06. Leshy
07. Mond & Sonne
08. Woods of Україна
09. Baba Jaga
10. Waldlandreich
11. Hinter der Brombeerhecke
12. Vom Wassermann
13. Karneia
14. Raigan Dannsa
15. Bonus Track – Dimna Juda
16. Bonus Track – Waldlandreich (Niel Mitra Remix)

 

 



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Florian Hessler

Über Florian Hessler

Archäologe, Historiker und freier Journalist (u.a. Zillo Medieval, Sonic Seducer, Miroque, Metal-District, Piranha) floh.hessler(at)schubladenfrei.de
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