SHIREEN – „Matriarch“ (CD-Review)

Shireen - Matriarch - Cover„Witchpop“, also „Hexen-Pop“ nennen SHIREEN aus Holland ihre Musik. Eine in mehrfacher Hinsicht gut gewählte Beschreibung, wie der kürzlich erschienene erste Longplayer der Band eindrucksvoll zeigt.

Da ist zunächst einmal der Hexen-Anteil. Abgesehen davon, dass Sängerin Annicke Shireen bei den Konzerten immer in phantastischen, von ihr selbst entworfenen Outfits auftritt, hat die Musik von SHIREEN auch viel Berührungspunkte mit dem, was man unter der Bezeichnung „Paganfolk“ kennt. Nicht nur, dass die Band im Umfeld des legendären Castlefest groß geworden ist, mit Sophie Zaaijer (Violine & Cello) und Thomas Biesmeijer (Gitarren) sind zwei der Bandmitglieder auch Teil von CESAIR, einer der derzeit führenden Pagan-Formationen. Mit ihrem mystisch angehauchten Sound wollen SHIREEN einerseits eine rätselhafte und schillernde Atmosphäre kreieren, die gleichzeitig aber auch den, wie sie es nennen, „Magischen Realismus“ ihrer Texte widerspiegelt.

Die Songs beschäftigen sich folgerichtig mit Themen wie Selbsterforschung, der Stärke von Emotionen, Weiblichkeit, Schönheit und Hässlichkeit, Macht und deren Missbrauch, aber auch von Gottheiten, wie etwa der Song „Umai“. Wie die Band selbst sagt, will sie die Frage stellen, was es eigentlich ist, das uns zu Menschen macht, oder was uns vielleicht auch mehr als das sein lässt.

Zum anderen ist da das Wörtchen „Pop“. So schwammig, wie diese Kategorisierung von vorneherein ist, so kann man den Pop-Anteil hier nicht leugnen, so ganz wird das Label der der Musik von SHIREEN aber nicht gerecht, zumindest nicht allein. Hier verschmelzen Folk, Pop und (Akustik-)Rock mit elektronischen Beats und Samples zu einer ganz eigenen Mischung. Statt „Witch-Pop“ würde ich da an vielen Stellen eher zu der Schubladisierung „Witch-ProgRock“ tendieren. Das allerdings kaum genretypisch verkopft, sondern überaus catchy und mit Songs oder auch nur einzelnen Songteilen, die sich verdammt nachhaltig im Gehörgang festsetzen.

Ein Youtube-User kommentierte das Video zu „Umai“ mit den Worten „Gothic meets Steampunk meets Vikings meets Mad Max.“ Die Liste der musikalischen Einflüsse und Vorbilder ist dann auch recht lang und vor allem vielfältig: Neben BJÖRK, KATE BUSH, TORI AMOS und SINEAD O’CONNOR nennt die Band auch Acts wie DEAD CAN DANCE und THE CURE und sogar APOCALYPTICA, FEVER RAY und TOOL.

Man könnte meinen, dass das ein bisschen viel der Bandbreite wäre. Aber es ist gerade eine der großen Stärken von SHIREEN, dass sie sich eben nicht eindeutig in eine Schublade einordnen lassen, es aber dennoch schaffen, verdammt starke Songs und einen unverwechselbaren Stil zu erschaffen. In ähnlicher, wenn auch noch ausgeprägterer Form ist mir das das letzte Mal bei der dänischen Band EUZEN untergekommen.

Produziert wurde das Album von Fieke van den Hurk, die früher ebenfalls Teil der Band CESAIR war, und die neben dem Bedienen der Regler auch als Gastmusikerin bei den Aufnahmen einige zusätzliche Synths, Beats und Samples auf „Matriarch“ beigetragen hat. Mit Daphyd Sens  (THUNDER CROW, OMNIA) am Slideridoo und Evelyn Sies van der Horst (DUIZEL), die sowohl ihre Stimme als auch ihr Talent an der singenden Säge beigesteuert hat, sind zwei weitere hochkarätige Gäste auf dem Silberling vertreten.

Fazit: Ein wirklich großartiges und sehr intelligentes Album und auch definitiv eines der besten Debüts, das ich jemals gehört habe. Eine meiner absoluten Lieblings-Scheiben in diesem fast abgelaufenen Jahr – unbedingt reinhören!

 

Tracklist:

1. Running from wolves
2. From fire
3. Have it so
4. So human of you
5. God
6. Bright as daylight
7. Storm
8. Umai
9. Game of wits
10. Tiny boxes
11. Values in blood
12. Threshold

 

SHIREEN
„Matriarch“
Foxy Records
2017

 

 

Annicke Shireen – Vocals
Marijn Sies – Drums & Percussion
Sophie Zaaijer – Violin & Cello
Hein Bles – Bass guitar
Thomas Biesmeijer – Guitars
Guido Bergman – Electronics



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Florian Hessler

Über Florian Hessler

Archäologe, Historiker und freier Journalist (u.a. Zillo Medieval, Sonic Seducer, Miroque, Metal-District, Piranha) floh.hessler(at)schubladenfrei.de
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