Iamthemorning – ~ (CD-Review)

iamthemorning

Manchen CDs gelingt es selbst an den trübsten Tagen, die Sonne hinter den grauen Wolkenwänden hervorzulocken. Ein solches Album ist das ungewöhnlich betitelte Debüt „~“ der jungen russischen Band IAMTHEMORNING. Passend zum Cover eröffnen Wellenrauschen und leise Möwenschreien die Scheibe und laden dazu ein, in die sanft wogenden Melodien einzutauchen. Die acht studierten Musiker entführen die Zuhörer in eine Musikwelt, die gerade aus dem Tiefschlaf zu erwachen scheint. Die verträumten Anfangsklängen von „Inside“ steigern sich zu bewegtem progressiven Folkrock, um kurz darauf wieder zu weitaus zarteren Tönen zu werden. Die Lieder wirken filigran und behutsam, können aber, wie in der Mitte von „Scotland“, auch durchaus energisch werden.

Die Musik der St. Petersburger ist neoklassisch und kommt trotzdem gänzlich ohne erdrückenden Pathos aus: statt hochtrabender Bombastklassik verbreiten IAMTHEMORNING herrlich entspannte Atmosphäre. Sie spricht sehr direkt an und die verspielten Arrangements wissen zu gefallen. Wunderschöne Klavierparts, gezupfte Gitarrenmelodien und schwelgerische Streichinstrumente werden gekonnt miteinander verwoben, von einem wohldosiertem Schlagzeug unterstützt und vom dezenten Bassfundament getragen.

Nach „Circles“, einem der Glanzstücke des Albums, folgt die nächste der „Intermissions“, über die die Stücke verbunden sind – Auf dem gut fünfzig Minuten langen Album gibt es gleich sieben davon. Die zweite besticht durch ihre warmen Celloklänge, die an dieser Stelle am deutlichsten zutage treten – ansonsten überwiegen eher kühle Klangfarben. So auch beim rhythmischen „Weather Changing“, während „Monsters“ ein bisschen jazzig wird. Wohl das Highlight der Scheibe ist „Touching II“, das sehr minimalistisch beginnt und sich im Verlauf sehr stark entwickelt. Überhaupt ist die Musik sehr aufs Wesentliche reduziert, aber keineswegs karg. Dafür sorgt auch insbesonders der glockenhelle englische Gesang von Marjana Syomkina.

IAMTHEMORNING liegt irgendwo zwischen THE MOON AND THE NIGHTSPIRIT, STOA, CECILE VERNY und EUZEN, wobei letztere ein ganzes Stück elektronischer und ungewöhnlicher sind – gemeinsam ist beiden Bands allerdings die präzise, klare Gesangsstimme, die den Gesamtsound der Band deutlich mitprägt.

Fazit: „~“ ist ein phantastisches Debütalbum, dem eine problembefreite Schwerelosigkeit innewohnt. Einfach schön!

Anspieltipps:
Circles
Touching II

Tracklist:
01. Intermission I
02. Inside
03. Burn
04. Circles
05. Intermission II
06. Weather Changing
07. Intermission III
08. Scotland
09. Touching II
10. Intermission IV
11. Monsters
12. Serenade
13. Intermission V
14. Would this be
15. Intermission VI
16. i.b.too
17. Intermission VII
18. Afis

[beste!Unterhaltung]



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Janina Stein

Über Janina Stein

Kulturgeographin, Fotografin und freie Journalistin, zuletzt 1 ½ Jahre unterwegs in Neuseeland, Australien und Asien. janina.stein (at) schubladenfrei.de
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