Deine Lakaien – Indicator (CD-Review)

Deine Lakaien Indicator

Eigentlich wäre mit den zwei Worten “Genial! Kaufen!” schon das wesentlich gesagt, doch klingt es zu platt um der Vielschichtigkeit und atmosphärischen Dichte von „Indicator“ gerecht zu werden. DEINE LAKAIEN haben sich mit dieser Veröffentlichung Zeit gelassen: bereits fünf Jahre ist es her, dass ihr letztes Studioalbum „April Skies“ in die Läden kam, lediglich 2007 wurde mit „20 years of electronic Avantgarde“ noch ein Livekonzertmitschnitt herausgebracht. Doch das Warten hat sich wahrlich gelohnt: Ernst Horn und Alexander Veljanov warten mit liebevollem Detailreichtum und filigranen, ausgereiften Kompositionen auf, in denen sich die Erfahrung aus 25 Jahren gemeinsamen Musizierens spiegelt.

Wenn die Welt draußen von tristem Regengrau beherrscht wird lässt sich mit dieser CD, am besten eingehüllt in eine warme Decke und mit einer Tasse heißem Tee in der Hand, die Herbstmelancholie wunderbar pflegen. Nie erdrückend, immer mit einem warmen, versonnenen Grundton laden die Lieder zum Träumen und Dahinschmelzen ein. Sehr passend gewählt ist somit der Release-Termin im Frühherbst, wenn lockerleichte Sommerhits für ein paar Monate von den Bildflächen verschwinden.

Wirkliche Augenöffner im Sinne von klanglichen Überraschungen hält die CD zwar nicht bereit, trotzdem sind DEINE LAKAIEN meilenweit davon entfernt, eintönig und langweilig zu sein oder lediglich alte musikalische Ergüsse in leicht abgewandelter Form wieder aufzuwärmen. Nicht immer muss man zwanghaft etwas völlig anderes, neues machen – und am perfekt gefeilten Konzept der Band gibt es wirklich nicht viel zu rütteln, stattdessen wird an den Details geschraubt, was eine erstaunlich große Vielfalt eröffnet. Ihrem Grundkonzept bleiben DEINE LAKAIEN auch mit dieser Veröffentlichung treu und das zurecht, denn der charakteristischer Klang hat absoluten Wiedererkennungswert: Er entsteht durch das Zusammenwirken des sorgfältig geknüpften, völlig organisch wirkenden Klangteppichen aus Klavier, zarte Streichern und sorgfältig arrangierten elektronischen Effekten mit der markanten Stimme und herausragenden Gesangsleistung von Alexander Veljanov. In diesem Feld wird auf der CD durchaus experimentiert, was sich besonders in dem durch Retro-Synthies geprägtem „Six o’ Clock“ zeigt.

Unter der Oberfläche hat sich der Schwerpunkt der Texte etwas verschoben. Zwar beginnt das Album mit „One Night“, das den bisher abgedeckten, zumeist persönlichen Themenfeldern zuzuordnen ist, doch daneben findet sich nun auch zunehmend das Welt- bzw. besonders das Europageschehen in den Liedern reflektiert. Bereits der Text des zweite Stücks stimmt mit seiner Kernfrage „who’ll save your world if not you“ nachdenklich, noch deutlicher wird die Kritik an der sozialpolitischen Gegenwart in dem aus Sicht eines Einwanderers erzähltem „Immigrant“, in dem sich die verzweifelte Situation des Protagonisten in ungewöhnlich rauen Disharmonien äußert. Für noch mehr Spannung sorgt an dieser Stelle der Kontrast zum sehr melodischen Refrain. „Just want to live like everyone, like a common man in a common home, just like you“ heißt es dort, und bringt die Botschaft des Stückes auf den Punkt, statt sie mit einer Vielzahl von Metaphern zu verschleiern.

Sind die Texte, wie für die Band typisch, üblicherweise ganz in Englisch gehalten bricht „Europe“, unterlegt mit einem stetig treibenden Beat, mit diesem Konzept und beginnt in französischer Sprache, es wechselt erst zum Refrain ins Englische, dort wird das Französische auch im weiteren Songverlauf wieder aufgegriffen. Teilweise überlagern sich die Sprachen auch und stehen damit auch dafür, dass Europa trotz oder gerade auch wegen seiner Vielfalt zusammengehört. Das lässt sich auch über das Album an sich übertragen, auf dem recht gegensätzliche Stücke – wie das wunderbar schwelgerische Liebeslied „Gone“ und das bereits angesprochene „Immigrant“ – nebeneinander stehen, ohne dass es dem Gesamtbild abträglich wäre.

Das Album ist direkter und gradliniger als die Vorgängeralben, sehr eindringlich und doch mit jeder Menge Feingefühl; Es zeigt deutlich, dass die beiden Musiker mit offenen Augen durchs Leben gehen und der Realität ins Gesicht schauen statt sich in Träumen zu verlieren. Musikalisch wie inhaltlich ein großartiges Album: Wer die bisherigen Alben der Band mochte, wird auch um Indicator unmöglich herumkommen.

Anspieltipps:
Who’ll save your world
Blue Heart
The old Man is dead

Tracklist:
01. One Night
02. Who’ll save your World
03. Gone
04. Immigrant
05. Blue Heart
06. Europe
07. Along our Road
08. Without your Words
09. Six o’ Clock
10. Go Away bad dreams
11. On Your Stage again
12. The old Man is dead

[Warner]

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Janina Stein

Über Janina Stein

Kulturgeographin, Fotografin und freie Journalistin, zuletzt 1 ½ Jahre unterwegs in Neuseeland, Australien und Asien. janina.stein (at) schubladenfrei.de
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