VOCAME – Christine de Pizan – Chansons et Ballades (CD-Review)

VocaMe - Christine de Pizan

Zwei berühmten Musikerinnen der Geschichte haben sich VOCAME bereits gewidmet. Gegründet wurde das Ensemble 2009, um die wieder entdeckte Musik der byzantinischen Komponistin Kassia wieder zum Leben zu erwecken. Auf ihrem zweiten Longplayer 2012 beschäftigte sich die Formation mit den Liedern Hildegards von Bingen. Auf ihrem neuen Album nehmen sich VOCAME nun erstmals einer Frau an, die nicht durch ihre Musik, sondern durch ihre Texte bekannt ist – Christine de Pizan.

Die in Venedig geborene Christine (1364 – 1429) gilt als erste Schriftstellerin von der bekannt ist, dass sie durch das Schreiben ihren Lebensunterhalt bestreiten konnte. Als sie vier war, wurde ihr Vater zum Leibarzt des französischen Königs Karl V. berufen, was ihr eine für damalige Verhältnisse hervorragende Ausbildung ermöglichte. Heute ist sie vor allem bekannt für ihr Werk „Le Livre de la Cité des Dames“ („Das Buch von der Stadt der Frauen“), in dem sie eine Utopie entwirft, in der die Frau dem Mann gleich gestellt ist. Dieses Buch war es auch, das für VOCAME mehr oder weniger den Ausschlag gab, eine CD mit Vertonungen ihrer Texte aufzunehmen, denn da lediglich eine ihrer Balladen in einer Vertonung überliefert ist, hatten die Sängerinnen Sarah M. Newman (Sopran), Gerlinde Sämann (Sopran), Petra Noskaiová (Mezzo-Sopran), Sigrid Hausen (Mezzo-Sopran) und ihr „Hahn im Korb“ Michael Popp (Instrumente) zunächst Zweifel. Doch als weibliches Vocalensemble kamen sie, wie sie selbst sagen, an der Kraft und Aktualität von Christines Texten einfach nicht vorbei.

Ausgehend von „Dueil angoisseus“, der bereits erwähnten, einzigen zeitgenössischen Vertonung durch den franko-flämischen Komponisten Gilles Binchois (um 1400 – 1460), machten sich die fünf auf die Suche nach bereits vorhandenen Kompositionen, die zu Christines Texten passten. In der Musik ist diese in der Zeit des Mittelalters und der Renaissance durchaus nicht unübliche Methode der Kombination von bestehenden Melodien mit neuen Texten als „Kontrafaktur“ bekannt. Für die Arbeit suchten sie sich kundige Hilfe in Form der beiden Christine de Pizane – Spezialisten Margarete Zimmermann und Earl Jeffrey Richards und der Romanistin Gisela Seitschek.

Verwendung fanden unter anderem Stücke von Guillaume de Machaut, Guillome Dufay, Gilles Binchois und Bernart de Ventadorn. Einige der Melodien waren bereits 100 Jahre vor Christines Zeit populär, könnten, so die Überlegung, ihr aber durchaus noch bekannt gewesen sein.

Entstanden ist so ein Album, das die Welt der Christine de Pizan musikalisch wieder entstehen und gleichzeitig durch ihre eigenen Texte wirken lässt. Eine gesungene Begegnung mit einer der faszinierendsten Frauengestalten des Mittelalters, vorgetragen von einigen der besten Stimmen des heutigen Genres.

Durch die Konzentration auf die Stimmen und die sparsame Instrumentierung passt die CD auch wunderbar in die momentane Weihnachtszeit. Wer festliche Musik abseits der Weihnachtsthematik sucht oder noch ein Last-Minute-Geschenk für eine Mittelalter- oder auch Klassik-begeisterte Person braucht, sollte hier auf jeden Fall zugreifen.

 

Tracklist:

1. Jaux à vendre

2. Ma dame secours – Amoureux œil – Je vois jouer – Dieux est – S’ainsi me dure

3. Mon bel ami, je voy trop bien

4. À Dieu, mon ami, vous command

5. Mon chevalier, mon gracieux servant

6. Dueil engoisseus

7. Amours, escoute ma complainte

8. Ovide dit qu’il est un messagier

9. Dieux! On se plaint trop durement

10. Mon ami, ne pleurez plus

11. Ditié de Jehanne d’Arc

12. L’amant et la dame. Or suis je vers vous venu

13. Seulette suy et sellette vueil estre

 

www.vocame.de



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Florian Hessler

Über Florian Hessler

Archäologe, Historiker und freier Journalist (u.a. Zillo Medieval, Sonic Seducer, Miroque, Metal-District, Piranha) floh.hessler(at)schubladenfrei.de
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