Musikalische Länderkunde: Island

Island steht im Ruf, ein wenig exzentrisch zu sein: Das Telefonbuch ist nach Vornamen sortiert, die durch selbst gewählte Berufsbezeichnungen ergänzt werden, beim Straßenbau wird auf die Zustimmung der Elfen geachtet und die Bewohner sind stolz darauf, die Edda im Original lesen zu können. Gemessen an der geringen Einwohnerzahl – gerade einmal 320.000 und damit etwas weniger als Bielefeld – hat Island eine ausgesprochen große und diverse Musikszene. Nur ein vergleichsweise geringer Teil der Künstler schafft den Sprung auf die internationale Bühne – wie zuletzt die bodenständige Folk-Pop-Gruppe OF MONSTERS AND MEN mit ihrem 2013 erschienenen Debüt „My Head is an Animal“.

In Island ist es peinlich, nicht in der Öffentlichkeit zu singen.“

Musik und Kunst im Allgemeinen sind ein wichtiger Teil der isländischen Kultur. Schon die Geschichten der Edda wurden früher im Sprechgesang vorgetragen und besonders in der langen dunklen Jahreszeit wird viel gemeinsam musiziert. „Meine Familie singt viel und fast alle meiner nahen Verwandten sind in Chören. Auf Familientreffen haben wir immer alte isländische Lieder gesungen. Natürlich färbt das ab“, erklärt Jon Elisson, ehemaliger Pianist der Kammerpop-Band ARSTIÐIR. Letztere verstehen es wie kaum eine andere Band, die Dramatik der rauen und zugleich unglaublich schönen Natur in Musik umzuwandeln. „Das ist sozusagen ein isländischer Charakterzug“, erklärt sein in den USA aufgewachsener Bandkollege Karl James Pestka. „Wo ich herkomme ist es peinlich, in der Öffentlichkeit zu singen. In Island ist es peinlich, nicht in der Öffentlichkeit zu singen.“ Traditionelle Instrumente waren die im 18. Jahrhundert entstandene Langspil, die mit der norwegischen Langeleik verwandt ist, und die Fidla; beide Instrumente werden mit einem Bogen gestrichen. Moderne Instrumente kamen dabei erst vor gar nicht allzu langer Zeit auf die Insel im Nordmeer. „[1917] gab es in Reykjavík eine Domorgel, fünf Klaviere und drei Leute, die sie spielen konnten. Die Fischer an der Ostküste lebten noch wie im 14. Jahrhundert. Herzstück der isländischen Kultur war der Hering“, schreibt Volker Tarnow in einem Artikel für die Kulturplattform Kultiversum. Inzwischen ist das Konzerthaus Harpa eines der Wahrzeichen der Hauptstadt und das isländische Symphonieorchester eines der besten Europas.

Arstidir

v.l. Hallgrímur Jónas Jensson, Daníel Auðunsson, Jon Elisson

Die kauzigen Postrocker von SIGUR RÓS sind bereits seit zwanzig Jahren aktiv und heute wahrscheinlich die bekannteste isländische Band. Sie singen durchweg entweder in der Landessprache oder einer Fantasiesprache und haben ihrer Heimat ein beeindruckendes musikalisches Denkmal gesetzt. Kompromisslos haben sie auch schon einen Talkshow-Auftritt abgesagt, da sie ihre Musik nicht auf fernseh- und radiotaugliche drei Minuten zuammenkürzen wollten. FOR A MINOR REFLECTION wandeln auf ganz ähnlichen, atmosphärisch dichten Spuren. Ruhige Töne mit viel Ambiente und einer gewissen Verspieltheit sind auch MÚM zueigen, die oft als typisch isländisch wahrgenommen werden. Längst nicht alle Bands, die von der Insel aus Feuer und Eis stammen, teilen diesen entrückten Charme, die gewisse Verschrobenheit und den schwermütigen Klang „bis fast an den Punkt der Depression.” Jon erklärt, dass diese Melancholie eine lange Tradition hat: „Ich kann mich an keinen einzigen alten isländischen Song erinnern, der in Dur geschrieben ist. Sie sind alle in Moll und klingen wie Fuck, ich will hier nicht sein und Argh, hier ist zu viel Schnee und es ist dunkel. Sie sind nicht weinerlich, aber sie können ziemlich deprimierend sein. Isländer mögen einen Poeten, der Depression gut schreiben kann. Besonders Einsamkeit ist etwas, womit Isländer vertraut sind, da sie auf einer winzigen Insel isoliert sind. Historisch gesehen war sogar jeder einzelne ziemlich isoliert: Wenn man allein in einem Tal oder einem Fjord lebte, dann konnte man während etwa Dreiviertel des Jahres nicht reisen, weil das Wetter es nur im Sommer zulässt, dass man seinen eigenen Fjord verlässt. Man trifft acht, neun Monate lang keine Menschen und es ist zweiundzwanzig Stunden am Tag dunkel. Das seltsame an der isländischen Art ist, besonders im Winter, dass sie dich nicht runterzieht, sondern dich sozusagen mehr in dich gehen lässt. Du musst damit jedes einzelne Jahr klarkommen. Es ist ein Teil des Lebens.“ Der Pianist erinnert sich zurück: „Als ich ein Kind war lebten meine Großeltern auf dem Land. Nachts schaute ich aus dem Fenster und alles, was ich sehen konnte, waren diese Berge und keine Lichter. Wirklich, es ist irgendwie deprimierend, aber gleichzeitig ist es auch das, was Isländer nutzen, wenn sie etwas künstlerisches erschaffen.“ Das zeigen Karl, der ebenfalls bei ARSTIÐIR aktive Ragnar Ólafsson und ihre Bandkollegen auch in ihrer Progressive-Rock-Band IN SIREN, deren Musik mal filigran und zerbrechlich, mal episch-bombastisch daherkommt. Zweifellos schwermütig klingt die Musik der atmosphärischen Rockband SOLSTAFÍR, die Metal mit psychedelischen Momenten kombinieren, und die schleppenden Stücke von EPIC RAIN, die ganz in der Tradition von Künstlern wie NICK CAVE musizieren.

Moderne Entwicklungen

Eine ganze Reihe von Bands klingt im Vergleich dazu wohl geradezu „unisländisch” – wenn man mit der irrigen Erwartung an sie herantritt, sie müssten alle wie Sigur Ros oder Björk klingen. Sei es die bunte Reaggae-Gruppe AMABA DAMA mit ihrer Gute-Laune-Musik, das Folk/Americana-Projekt BLÁGRESI, die bei Jugendlichen beliebten HipHopper von ULFÚR ULFÚR, MUGISON, der stilistisch einfach alles zusammenzumischen scheint, was ihm gerade in die Hände fällt, oder das Rockquartett KALEO, dessen Musiker schon von Kindheit an zusammen musiziert haben. Sie verbinden Indie Pop mit Rock’n’Roll und dem Klang der 60er. Damals, ungefähr 1965, begann mit HJÓLMER, der isländischen Antwort auf die Beatles, die Geschichte der modernen Musik des Landes. Nach dem zweiten Weltkrieg hatte sich Island von Dänemark gelöst und die Präsenz von britischen und amerikanischen Soldaten auf der Insel sorgte dafür, dass Musikströmungen aus deren Heimat ihren Weg nach Island fanden. Nach Rock’n’Roll und Beat-Musik gewann in den 1970er Jahren der Folkrock in isländischer Sprache an Popularität und mehr Bands lösten sich auf der Suche nach einer eigenen musikalischen Identität von ihren Vorbildern. In der Folge schaffte es die New Wave Band STUÐMENN 1986 bis nach China und nach der Auflösung der Punkband THE SUGARCUBES 1992 wurde deren Sängerin BJÖRK zu einem der musikalischen Aushängeschilder des Landes. Ihre Kollegin EMILIANA TORRINI erlangte internationale Bekanntheit, als sie 2002 den „Herr der Ringe“-Titeltrack „Gollum’s Song“ sang und war auch in den letzten Jahren mit Liedern wie „Jungle Drum“ erneut an der Spitze der Charts vertreten. Seit seiner Hochzeit in den 70er und 80ern bis heute beliebt und im eigenen Land einer der verkaufsstärksten Künstler ist BUBBI MORTHENS, der wie Popstar PALL OSKÁR zu eher lokaler Berühmtheit gelangte. Letzterem ist ungefähr die Hälfte des isländischen Musikmuseums in Keflavík gewidmet.

Reykjavik Pride

GUSGUS sind, in stark wechselnder Besetzung, seit 1995 Vorreiter der elektronischen Musik und mischen dabei Techno und etwas experimentellen Pop mit Trip Hop. Zu den jüngeren Bands der Szene zählen heute SAMARIS – die ihre Electronica-Welten durch eine Klarinette bereichern – STEED LORD, BLOODGROUP mit ihren Discobeats und KIASMOS, das Techno-Projekt von BLOODGROUP-Musiker Janus Rasmusson. Hier arbeitet er mit Multitalent ÓLAFUR ARNALDS zusammen, der eine Weile neben Schlagzeug- und Jazztheorie auch Klassische Komposition studierte. Früher bei Hardcore-Projekten in der Punkszene aktiv, spielt er heute gefühlvolle Neoklassik und orchestral angehauchten Ambientpop. Seit kurzem ist er zudem Mitbesitzer einer Pommesbude in Reykjavík: „Meine Nebenprojekte werden auch immer seltsamer“. Die Musikalität scheint in der Familie zu liegen. Seine Cousine ÓLÖF ARNALDS ist ebenfalls eine bekannte Sängerin mit sehr eigenwilliger Stimme. Im Laufe ihrer Karriere hat sie mit nahezu allem zusammengearbeitet, was in der isländischen Musikszene Rang und Namen hat. Die engen Kontakte zwischen den Künstlern resultieren so oft in überraschenden Projekten, und manchmal hat es gar den Anschein, dass jeder isländischen Musiker in mindestens zwei oder drei Bands aktiv ist. Statt miteinander zu konkurrieren wird hier lieber zusammengearbeitet. So ist auch die die Klavierspielerin SÓLEY Mitglied der Indiefolk-Gruppe SEABEAR und hat ebenso bei SIN FANG, dem Soloprojekt von Sänger Sindri Már Sigfússon, mitgespielt. Alle drei Projekte sind beim Berliner Label Morr Music unter Vertrag und sind dort in bester Gesellschaft. Immer mehr isländische Bands entscheiden sich dafür, ihre Musik auf ausländischen Labels zu veröffentlichen. Beim Langenzenner Label Beste Unterhaltung! und dessen Zwillingslabel Nordic Notes sind unter anderem der sympathische Singer-Songwriter SVAVAR KNUTUR wie auch MYRRA RÓS und ANNA MARIA beheimatet. Die Musik der beiden schlägt in eine ähnliche Kerbe wie der wunderbar blusige Folkpop von LAY LOW. Die Musikerin Lovísa Elísabet Sigrúnardóttir hat sri-lankische Wurzeln, kann neben Klavier auch Bass und Gitarre spielen und war lange zusammen mit EMILIANA TORRINI auf Tour. In den Genuss einer weiteren starken Frauenstimme, allerdings in deutlich rockigerem Gewand, kommt man bei MAMMÚT. Die Band um Sängerin Katrína Kata Mogensen gewann 2014 mit ihrem melodischen Rockalbum “Komdu til mín svarta systir den Isländischen Musikaward für das Album des Jahres. Auch bei DIKTA und der noch recht jungen Band AGENT FRESCO, deren progressives Art-Rock-Album “Destrier” gerade die isländischen Charts anführt, rockt es gehörig.

Reykjavik Pride

Elfenhafte Sprache

Wer elektronische Popmusik in eingängiger und tanzbarer Form sucht wird sicherlich bei der Partyband FM BELFAST fündig. Ob bei BANG GANG oder in etwas außergewöhnlicherer, orchestral ausgeschmückter und durchaus retroaffiner Form bei  HJALTALÍN – Die Mischung von elektonischen Elementen mit Pop und Folk kommt gut an. Neben VALDIMAR, die ihre Wurzeln zudem im Americana haben, baut darauf auch ÁSGEIR TRAUSTI. Sein Solodebüt erschien zuerst in isländisches Version “Dýrð í dauðaþögn” und später in Zusammenarbeit mit dem Briten John Grant als Übersetzung unter dem Titel „In the Silence“. Die Texte für seine Musik schreibt sein Vater, in dessen Gedichten es viel um die Natur und um Gefühle geht. Durchschnittlich jeder zehnte Isländer hat die CD heute im Regal stehen. Englisch ist als Gesangssprache bei vielen Bands im Land beliebt, um dem internationalen Publikum den Zugang zur Musik einfacher zu machen. Ob dieses Konzept aufgeht hängt auch davon ab, wo die Musiker auftreten. „Wenn Leute die Sprache nicht verstehen scheinen ihnen die isländischen Stücke lieber zu sein als die englischen“, erklärt Jon. „Sie haben Englisch oft gehört, aber wenn sie das allererste Mal auf einem unserer Konzerte sind, dann haben sie meistens noch nie jemanden Isländisch sprechen hören. Manche Leute finden, es klingt Elbisch. Andere denken, dass es sich so anhört, als würde man einfach herumspinnen. Allerdings können sich so ziemlich alle darauf einigen, dass es alt klingt. Es ist menschlich, dass etwas, wenn es alt ist, Glaubwürdigkeit in den Augen der Zuhörer gewinnt“. Cellist Hallgrímur Jónas Jensson ergänzt: „Selbst wenn jemand die Texte nicht versteht, bringt der Charakter der isländischen Sprache gut herüber, worum es in unserer Musik geht. Die Themen unserer Musik sind ziemlich melancholisch.“

Auf Konzerten geht es aber keinswegs trübsinnig zu. Reykjavík hat eine lebendige Live-Kultur, fast jeden Tag werden Konzerte veranstalten. Einer der Höhepunkte ist das Iceland Airwaves Festival, das seit 1999 jeden November stattfindet und die Stadt in einen kreativen Ausnahmezustand versetzt. Das Festival lockt Gäste aus der ganzen Welt an. Über drei Tage spielen zahlreiche internationale Stars, aber auch viele lokale Künstler in Cafés, Bars, Clubs und den Plattenläden der Stadt. Die sind auch dann einen Besuch wert, wenn keine Sonderveranstaltungen stattfinden. Ob 12 Tonar, Smekkleysa oder Lucky Records, die drei Läden verfügen jeder über ein eigenes Label und machen Besucher gerne auf die versteckten Diamanten der isländischen Musik aufmerksam. Major Labels gibt es auf der Insel keine – und das merkt man der Musik positiv an.

Für alle Neugieriggewordenen haben wir eine Playlist mit isländischer Musik zusammengestellt:



Teilen auf:
Janina Stein

Über Janina Stein

Kulturgeographin, Fotografin und freie Journalistin, zuletzt 1 ½ Jahre unterwegs in Neuseeland, Australien und Asien. janina.stein (at) schubladenfrei.de
Dieser Beitrag wurde unter Aktuelles, Im Fokus, Im Gespräch abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setzen Sie ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *