Interview – Jannike Schubert

jannike-schubert-c-robin-katerIn der Rolle der Rolle der tragisch jung verstorbenen deutschen Schlager-/Chanson-Sängerin ALEXANDRA feiert Jannike Schubert bereits in der dritten Spielzeit große Erfolge am Eisenacher Landestheater. Im November gastiert das Zwei-Personen-Stück im renommierten Berliner Admiralspalast. Wir trafen uns mit der Schauspielerin am idyllischen Zehlendorfer Schlachtensee und sprachen mit Ihr über die Rolle und die Person Alexandras.

SLF: Wie kam es denn eigentlich zu „Illusionen – Alexandras Leben“? Das Stück ist ja relativ neu.

JS: Wie meinst Du das jetzt? Wie ich zu Alexandra kam oder wie das Stück entstanden ist?

Beides. Soweit ich gelesen habe, hattest Du Dich ja schon vorher mit der Person Alexandras beschäftigt beziehungsweise hattest Berührung mit dem Stoff.

Also… im Prinzip ist es so passiert, dass ich auf der Suche nach einem Solostück für mich war. Genauer gesagt nach etwas für einen Soloabend mit Musik. Ich habe dann zufällig eine Inszenierung von „Die Leiden des jungen Werther“ gesehen, in der eines von Alexandras Liedern verwendet wurde. Das hat mich irgendwie sehr berührt. Dann hab ich sie mit einem Kollegen zusammen gegoogelt – das war der Tag vor meinem Geburtstag, das weiß ich noch – und als wir das Bild gesehen haben, sagte er auf einmal: Das bist doch Du mit kurzen Haaren. Ich dachte im ersten Moment: Was geht denn jetzt ab? Als ich dann nach mehr Musik gesucht habe, war ich von den Texten total berührt – ohne im ersten Moment zu wissen, dass sie die größtenteils selbst geschrieben hat.
Ein paar Tage später war ich dann bei einem befreundeten Regisseur, den ich wirklich sehr schätze und habe mit seinem damaligen Mann gesprochen und gemeint, Mensch, ich brauche ein Solostück, irgend so etwas wie Alexandra. Da meinte er plötzlich: Du, der Lars hat ein Stück über Alexandra geschrieben. So. Er hatte das damals für den Chansonabend einer Kollegin geschrieben, also ihr so ein paar biographische Sprechtexte reingeschrieben, um den musikalischen Abend rund zu machen. Er hat es dann noch einmal überarbeitet, als Theaterfassung und meine Regisseurin und Dramaturgin haben es dann auch noch einmal überarbeitet und so ist der Abend entstanden, den wir jetzt haben.

Das heißt das Stück wurde also mehr oder weniger genau auf Dich zugeschnitten?

Ich würde mal sagen, ja, von meiner Dramaturgin. Was zum Beispiel vorher nicht drin war war der zweite Teil – darf ich das überhaupt verraten? Na, ich mach es einfach mal: Der zweite Teil beginnt mit einer Art Konzert von Alexandra. Also die erste halbe Stunde davon sind nur Lieder. Das war eben die Idee der Dramaturgin und der Regisseurin auch, und das haben sie dann auch speziell für mich gemacht, glaube ich… also, behaupte ich einfach mal. [lacht]

Du hast ja bereits von den Texten gesprochen und davon, dass Alexandra die meisten davon selbst geschrieben hat. Siehst Du Alexandra als Schlagersängerin im heutigen Sinn?

Nein. Alexandra selbst hat ein tolles Interview dazu gegeben. Da sprach der Radiomoderator von einem Schlager-Lied und sie meinte dazu: „Ob das ein Schlager wird, das werden wir sehen. Es ist einfach ein schönes Lied.“ Der Begriff „Schlager“ bedeutete damals soviel wie heute „Hit“. Was der Schlager heute ist, ist ja etwas ganz anderes. Wenn man sie mit jemandem von heute vergleichen will, würde ich sagen sie ist jemand wie Reinhard Mey. Der ist ja auch kein Schlagersänger, sondern er ist Liedermacher. Ich würde sie als Chanson-Sängerin und Liedermacherin sehen. Das war ihr auch selbst sehr wichtig und ich finde, das stimmt auch. Schlager würde ich mit ihr wirklich nur in der alten Bedeutung in Verbindung bringen.

Was verbindet Dich persönlich mit Alexandra?

Viel. Ich habe mich wirklich ziemlich erschreckt, als ich ihre Biographie gelesen habe, weil ich mich so sehr wiederentdeckt habe in vielen Dingen. Ich glaube sie hatte einen sehr großen Hang zum Drama und zur Melancholie, was ich von mir auch kenne. Und da gibt es noch viele kleine private Dinge, die ich an dieser Stelle jetzt vielleicht auch nicht unbedingt ausplaudern muss. Aber mich verbindet schon viel mit ihr. Vor allem auch diese Bedeutung, die sie dem Text beimisst, was sie damit rüber bringen will… sie macht nicht nur Musik, sondern sie hat eine Message in dem was sie singt. In diese Texte und Emotionen kann ich mich sehr gut rein empfinden. Ich habe eigentlich zu jedem einzelnen Lied, das ich an diesem Abend singe, meine eigene persönliche Verbindung. Allerdings bin ich – ein Glück – älter als 27. [lacht] Das einzige, was sie hat, das ich nicht habe – obwohl, das darf ich gar nicht sagen…

Raus damit!

Naja, sie hat diese unheimliche Disziplin, beinahe bis zum Erbrechen. Also, dass sie alles vorbereitet bis ins kleinste Detail. Ich bin auch sehr diszipliniert, das war ich bei der Vorbereitung dieses Stücks auch, aber ich habe nicht dieses überambitionierte „Ich-mache-alle-Leute-verrückt-und-schließe-mich-in-mein-Zimmer-ein-bis-der-Ton-perfekt-sitzt“. Ein Glück, würde ich sagen.

Man kann natürlich alles übertreiben. Hast Du Dich in der Vorbereitung auch mit den Verschwörungstheorien um ihren Tod beschäftigt? Wie stehst Du dazu?

Ich weiß von Lars, dass er, als er das Stück geschrieben hat, mit dem Biographen von Alexandra in Kontakt war. Und der ist der festen Überzeugung, dass da auf jeden Fall etwas dran ist und dass es eine Verschwörung gibt. In welche Richtung hat er glaube ich jetzt nicht so genau gesagt, worauf Lars dann auch zu mir meinte, das müsse man vielleicht eher mit Vorsicht genießen. Aber ich glaube auf jeden Fall, dass da irgendetwas nicht gestimmt hat.

Es gibt ja das Gerücht, sie sei Agentin gewesen.

Ja, man sagt, dass sie russische Spionin war und irgendwas mit dem KGB zu tun hatte. Ich weißt jetzt nicht, ob das unbedingt Mord war, aber wenn man sich die Dinge so anschaut… es gibt ja einfach auch Fakten: Sie wollte eigentlich im Sarg begraben werden und wurde dann einfach verbrannt. In die Leichenhalle, in der sie lag, wurde in der selben Nacht eingebrochen. Das Auto, was später auftauchte, war nicht das Auto mit dem sie tatsächlich gefahren ist. Sie hat wirklich am Tag davor ihr Testament gemacht und erst ein paar Wochen vorher ein Doppelgrab gekauft. Ob sie eine Vorahnung hatte, ob es Selbstmord war – ich weiß es nicht. So ganz mit rechten Dingen ist es auf jeden Fall nicht zugegangen.

Also glaubst Du, dass es kein normaler Unfall war?

Nein. Das glaube ich wirklich nicht. Sie hatte ja schon vor dem Unfall Probleme mit ihrem Wagen und sie war ja auch schon Wochen vorher sehr panisch und hat gesagt, sie wird verfolgt. Ich weiß nicht, ob bei ihr vielleicht auch irgendwas nicht ganz in Ordnung war. Vielleicht war es auch ein ganz normaler Unfall, in den sie sich rein getrieben hat, weil sie eben panisch war und dadurch nicht ganz auf der Höhe. Aber so ganz mit rechten Dingen ist das nicht zugegangen, also das ist meine persönliche Meinung.

Jannike Schubert - (c) Robin Kater

Jannike Schubert – (c) Robin Kater

Kommen wir wieder zurück zum Stück. Es ist ja schon jetzt ein ziemlicher Erfolg geworden. Hättest Du vorher damit gerechnet?

Nein. Die einzige Person, die im Vorfeld damit gerechnet hat, war meine Mutter. Sie hat zu mir gesagt: pass auf, das wird die Rolle Deines Lebens, Du wirst in zehn Jahren noch Alexandra spielen. Ich hatte schon gedacht, dass es gut ankommen würde, ich habe es ja selbst dem Intendanten vorgeschlagen. Er hat dann gesagt, dass er das macht. Ich hatte es vorher noch anderen Leuten vorgeschlagen, die meinten alle, das interessiert keinen Menschen. Aber ich wusste, dass es Leute gibt, die es interessiert, dessen war ich mir sicher. Und ich wusste auch, dass das ein besonderes Stück für mich wird. Als die Premiere dann ausverkauft war, was bei einem Solostück bei uns vorher so gut wie nie der Fall war, war ich dann schon überrascht. Und dass es am Ende so ein Erfolg wird, dass wir jetzt damit im Admiralspalast sind, damit hätte ich nie im Leben gerechnet. Nie und nimmer! Und wir sind damit in Eisenach und Meiningen ja jetzt auch schon in der dritten Spielzeit. Normalerweise läuft ein Stück eine Spielzeit und dann, vielleicht, noch eine zweite. Wir sind jetzt in der dritten und es werden immer noch gut Tickets verkauft. Es kommen wirklich Busse-weise Leute.

Zu der Voraussage Deiner Mutter muss ich jetzt noch einmal kurz nachhaken. Wäre es für Dich eigentlich ok, die Rolle in zehn Jahren immer noch zu spielen? Würdest Du das gut finden?

Gute Frage… Wirklich gute Frage!

Die hatte ich mir übrigens nicht aufgeschrieben. Ist mir gerade so eingefallen.

Das ist wirklich witzig. Ich habe gerade heute mit meinem Bruder darüber gesprochen. Wir haben eine Kollegin, die seit zehn Jahren Sally Bowles [Rolle aus dem Musical „Cabaret“, Anm. d. Red.] im Tipi am Kanzleramt spielt. Und da habe ich gesagt: zehn Jahre – never ever! Aber sagen wir mal, wenn es nicht ausschließlich diese Rolle wäre, dann ja. Ausschließlich Alexandra für die nächsten zehn Jahre, das wäre mein künstlerischer Tod. Aber ich hätte auch nichts dagegen, wenn man mich in dreißig Jahren noch mit der Rolle in Verbindung bringt. Weil ich finde, uns ist da etwas wirklich Gutes gelungen und es ist auch etwas, was mir sehr nahe liegt und wozu ich auch stehe, damit habe ich kein Problem. Ich würde sie auch noch spielen in zehn Jahren, aber ich glaube, da wäre ich einfach ein bisschen zu alt, mit Anfang 40 jemanden zu spielen, der mit Ende 20 gestorben ist. Aber wer weiß… [lacht]

Sag niemals nie. Wie kam es denn eigentlich dazu, dass Ihr mit dem Stück jetzt im Admiralspalast seid?

In einer Vorstellung, die wir hatten, saß ein Produzent. Der kannte meinen Pianisten, Franz Fischer, schon vorher und der hat das Ding gesehen und gesagt: das müssen wir groß raus bringen. Er hat dann gleich beim Admiralspalast angefragt und möchte es auch gerne noch in andere Häuser bringen.

Das mit dem Admiralspalast ist also keine einmalige Sache, sondern es wird weitergehen?

Ja.

Na, dazu kann man nur herzlich gratulieren!

Dankeschön.

Aber für Dich als Berlinerin ist der Admiralspalast doch bestimmt erst mal etwas besonderes. Was bedeutet es Dir, jetzt in Deiner Heimatstadt auf so einer großen Bühne zu stehen?

Alles. Es bedeutet mir alles. Als ich Berlin verlassen habe, war es mein Wunsch, mein großer, großer Wunsch, einmal in Berlin auf einem Plakat an einer Litfaßsäule zu hängen und einmal in Berlin aufzutreten, wo mich Freunde und Familie sehen können. Dass ich das „jetzt“ schon erreicht habe, so schnell und so früh und zu einer Zeit, in der ich noch gar nicht damit gerechnet habe, damit ist wirklich mein größter Wunsch in Erfüllung gegangen. Und ich hatte auch immer gedacht, wenn, dann werde ich vielleicht mit einem Stück oder Musical hier sein, in dem ich eine größere Rolle spiele. Aber dass es mein Solostück ist, das hätte ich nie gedacht. Ich habe auch nicht gedacht, als der Admiralspalast im Gespräch war… also ich hatte gedacht, wir gehen ins Studio, wo ungefähr 400 Plätze sind. Ich wusste nicht, dass wir ins große Haus gehen. Mich hat fast der Schlag getroffen. Ich versuche auch jetzt, das immer ein bisschen beiseite zu schieben, denn wenn ich jetzt schon daran denke, dass ich in zwei bis drei Monaten vor was weiß ich wie vielen Leuten auf dieser Bühne stehen darf, dann ist das schon überwältigend. Ich meine, es ist der Admiralspalast, der ist jedem Berliner ein Begriff. Das ist nicht das kleine Theater um die Ecke. Aber ich denke, es ist wie mit allen großen Dingen, auf die man hin arbeitet: Wenn die dann passieren, dann ist man erst mal so… aha? Ich realisiere das noch nicht. Hättest Du mich vor zwei Jahren gefragt, ob ich mal im Admiralspalast spielen will, hätte ich gesagt: oh mein Gott, bitte ja! Und jetzt ist es einfach so. Irgendwie unwirklich…

Wir drücken die Daumen und freuen uns schon sehr auf die Vorstellung! Danke für das nette Interview!

Ich habe zu danken.

Illusionen – Alexandras Leben
24.11.2016, 20:00
Berlin, Admiralspalast

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Florian Hessler

Über Florian Hessler

Archäologe, Historiker und freier Journalist (u.a. Zillo Medieval, Sonic Seducer, Miroque, Metal-District, Piranha) floh.hessler(at)schubladenfrei.de
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