H.G. Wells – „Das Imperium der Ameisen“ (Hörspiel-Review)

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Seit die Menschen damit begonnen haben, den Regenwald aus reiner Gier Stück für Stück zu vernichten, glauben viele hier, dass sich die Natur eines Tages rächen wird. Dass der Regenwald ein Wesen erschaffen wird, das die Menschen für ihren Frevel bestrafen wird.

(Gerilleau)

Nach der Adaption der „Zeitmaschine“ präsentiert Oliver Döring nun seine zweite Wells-Hörspielbearbeitung. Wir haben uns ins Reich der Krabbeltiere begeben…

Der Biologe Lukas Holroyd fliegt im Auftrag eines (Pharma)konzerns nach Südamerika, um das besonders gefährliche Gift einer neu entdeckten Ameisenrasse zu analysieren. Als Stadtmensch und Laborforscher reizt ihn die Aussicht auf schwüle Hitze, faulende, pilzbefallene Biotope und giftiges Getier des Urwalds zwar nicht sonderlich, aber es gilt, die nächste Stufe auf der Karriereleiter zu erklimmen. Selbst dass es seit geraumer Zeit zu dem Forscher vor Ort keinen Kontakt mehr gibt, kann ihn von seinem Unterfangen abbringen – auch dank des sanften Drucks seines Chefs. So reist er nach Loreto, der grünen Lunge Perus. Der mächtige Regenwald am Amazonas erstreckt sich über die gesamte Region und ist eine der am schwierigsten zu erreichenden Gegenden der Welt. Wo sonst als hier könnte sich im Verborgenen eine Spezies entwickeln, die uns die Vorherrschaft auf diesem Planeten streitig machen will? Kapitän Gerilleau soll Holroyd mit seinem Kanonenboot zur Forschungsstation mitten im Urwald bringen. Nicht lange, und sie machen Bekanntschaft mit den Ameisen – und es ist nicht nur das tödliche Gift, das sie zur furchtbaren Bedrohung macht, es ist ihr Plan…

„Formicula“, „Tarantula“, „Arachnophobia“ – die Liste von Insekten-Horrorfilmen ist lang. Zu den literarischen Vorbildern dieser Horrorszenarien zählt mit Sicherheit auch H.G. Wells‘ Kurzgeschichte „Das Imperium der Ameisen“. Und sie ist bis heute erschreckend aktuell. Ehrlich, wer würde sich als naturverbundener Mensch im Zeitalter des großen Insektensterbens nicht ein paar derartig intelligente Krabbler wünschen, die dem zerstörerischen Wirken des Homo sapiens sapiens Einhalt gebieten?

Ähnlich wie bei „Die Zeitmaschine“ hat Oliver Döring auch diese, erstmals 1905 im englischen Strand-Magazine erschienene, Geschichte vom Beginn des 20. Jahrhunderts in die Jetztzeit verlegt. Anders als beim Zeitreise-Klassiker stört es mich bei den Ameisen jedoch nicht so sehr, denn was den Ablauf der Geschichte angeht, orientiert er sich dennoch stark an der Vorlage. Zudem fällt bei dieser Story der fehlende Steampunk-Charme hier nicht so stark ins Gewicht. Auch die eben beschriebene Aktualität des Themas spielt der zeitlichen Verlagerung in die Karten. Die örtliche Verlagerung von Brasilien nach Peru beeinträchtigt das Ganze ebenfalls nicht, wobei man sich da aber tatsächlich fragt, warum diese nötig war.

Und noch etwas gefällt mir besser als bei der „Zeitmaschine“: Genau wie dort bastelt Döring eine erweiterte Rahmenhandlung um die originale Erzählung, die für mich in diesem Fall jedoch weniger störend wirkt, sondern tatsächlich eher unterstützend, da sie der doch sehr kurzen Kurzgeschichte ein wenig mehr Substanz verleiht.

Was die Stimmen angeht, glänzt „Das Imperium der Ameisen“ mal wieder mit der Crème de la Crème der deutschen Sprecherszene. Selbst in den kleinsten Nebenrollen sind Schwergewichte wie Joachim Kerzel zu hören, der sein prägnantes Organ regelmäßig Hollywood-Legenden wie Dennis Hopper, Jean Reno, Jack Nicholson, Anthony Hopkins, Robert Wagner oder Dustin Hoffman leiht, um nur einige zu nennen. Auch Julia Kaufmann (synchron u.a. Mary-Kate Olsen, Mackenzie Davis) und Natascha Geisler (Marion Cotillard, Jennifer Lopez), die ebenfalls nicht gerade zu den Unbekannten zählen, tauchen nur am Rande auf.

Natürlich sind aber auch die Hauptcharaktere grandios besetzt. So geben sich zum Beispiel Julien Haggége (Justin Long, Colin Hanks, Eminem, Eddie Kaye Thomas ) als Holroyd, Carlos Lobo (deutsche Standardstimme von Javier Bardem) als Gerilleau, Boris Tessmann (synchron u.a. David Boreanaz, Patrick Dempsey) als John, Oliver Stritzel (Standardstimme Philip Seymour Hoffman) als Richard sowie Douglas Welbat als Ernest und Daniel Montoya als Da Cunha die Ehre.

Produktion und Soundtrack werden dem hohen Niveau ebenfalls mehr als gerecht, so dass man Dörings zweite Wells-Adaption jedem Hörspielfan bedenkenlos ans Herz legen kann. Die Messlatte liegt hoch – auf die als nächstes angekündigte, dreiteilige Umsetzung von Wells‘ wohl bekanntestem Werk „Krieg der Welten“ darf man damit freudig gespannt sein.

Credits:

Basierend auf der gleichnamigen Kurzgeschichte von H.G. WELLS erzählt OLIVER DÖRING mit diesem Mystery-Thriller eine ebenso spannende wie furchterregende Geschichte – und zeigt einmal mehr, wie zeitlos WELLS visionäres Werk bis heute ist.

Holroyd                  Julien Haggége
Gerilleau                Carlos Lobo
Ernest                     Douglas Welbat
John                       Boris Tessmann
Richard                  Oliver Stritzel
Da Cunha              Daniel Montoya
sowie Julia Kaufmann, Robert Frank, Natascha Geisler, Martin Baden, Marcus Staiger und Joachim Kerzel

Ein Hörspiel von Oliver Döring nach einer Kurzgeschichte von H.G. Wells
Produktion: IMAGA – Alex Stelkens & Oliver Döring
Produktionsleitung und Regieassistenz: Ila Panke
Tontechnik: Thomas Nokielski
Buch, Schnitt und Regie: Oliver Döring

Spieldauer: ca. 56 Minuten
Empfohlen ab 12 Jahren



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Florian Hessler

Über Florian Hessler

Archäologe, Historiker und freier Journalist (u.a. Zillo Medieval, Sonic Seducer, Miroque, Metal-District, Piranha) floh.hessler(at)schubladenfrei.de
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