Castlefest – Wo die Fantasie zur Normalität wird – Ein etwas anderer Festivalbericht

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Wer des Englischen mächtig ist, der wird sicher bemerken, dass die Überschrift nicht ganz die korrekte deutsche Übersetzung des Slogans ist, mit dem das Castlefest im Park des kleinen Schlösschens Keukenhof am Rand der niederländischen Stadt Lisse für sich wirbt. Doch nachdem man dieses Fest einmal erlebt hat, muss man diesen Schritt weiter gehen. Denn hier wird Fantasie eben nicht nur Realität, sondern stellt den Normalzustand dar.

Normalität ist hier in keinster Weise negativ zu verstehen, hat also nichts mit Konformität oder gar Uniformität zu tun – auch wenn Uniformen durchaus auch vertreten sind beim Castlefest. Von napoleonischen Offizieren über britische Admiräle zur See aus dem 19. Jahrhundert bis zu russischen Uniformen aus dem Zweiten Weltkrieg ist alles dabei. Soldaten in moderner Tarnkleidung, die aus dem Gebüsch in Scharfschützenmanier Schaumstoffgeschosse auf ahnungslose Besucher abfeuern? Klar doch! Hier spinnt eben jeder, wie er will. Sehr sympathisch allerdings, dass SS- und Nazi-Uniformen, die in der deutschen und englischen Gothic-Szene mittlerweile leider salonfähig sind, komplett abwesend sind.

Castlefest 2015

Doch es soll jetzt auch nicht der Eindruck erweckt werden, dass Uniformen beim Castlefest dominieren würden. Ganz im Gegenteil! Sie sind nur ein kleiner Teil der Gewandungen und teils extrem aufwändigen Kostüme, die die Besucher des Festivals zur Schau tragen: Asterix, Super Mario oder Teenage Mutant Hero Turtles, jede Menge anderer Comichelden – ob westlich oder fernöstlich – , Elfen, Trolle, Orks, Zauberer, Hexen, Druiden, Feen, Naturgeister, Dämonen und Dämonenjäger, Drachen, Insektenmenschen, schottische Clansmen, Wikinger, römische Impera- und Gladiatoren, ägyptische Pharaonen, Piraten, Cyborgs und Roboter, jede Menge Steampunks und natürlich dürfen auch Charaktere aus Mittelerde, Westeros oder Hogwarts nicht fehlen. Hier gibt es wirklich nichts, das es nicht gibt. Und alle freuen sich, dass sie einfach mal sie selbst ein dürfen. Fantasie als Normalität eben. Die „Realität“ wird einfach am Eingang abgegeben.

Castlefest 2015

Bei all dem besteht aber kein wie auch immer gearteter Dresscode; auch Jeans und T-Shirts sind zur Genüge vertreten. Dennoch beklagt sich eine Besucherin im Gespräch über „Touristen“, und dass die familiäre Atmosphäre des Festivals bei dem in den letzten Jahren rasanten Zulauf immer mehr abnehme. In diesem Jahr war der Samstag erstmals komplett ausverkauft und insgesamt fanden etwa 30.000 Besucher aus ganz Europa den Weg nach Lisse. Auf die Entgegnung, dass ja auch ich mit Shorts und T-Shirt nicht dem Castlefest-Ideal entspräche, bekam ich zur Antwort: „Ja, aber Du trägst schwarz. Und ein Bandshirt. Und Du bist Fotograf.“ Puh, nochmal Glück gehabt! Für begeisterte Fotografen, ob Profi oder Amateur, wäre es allerdings wirklich schmerzhaft, hier nicht willkommen zu sein, bei der Auswahl an spannenden Motiven.

Castlefest 2015

Erprobte Festivalgänger beziehungsweise Leser von Festivalberichten werden es langsam bemerkt haben: Es ist an dieser Stelle noch kein Satz über das Programm gefallen. Das gab es natürlich auch, doch sind beim Castlefest, im Gegensatz zu den meisten anderen Veranstaltungen, die Besucher mindestens genau so wichtig. Aber die auf den insgesamt vier Bühnen aufspielenden Bands sind natürlich auch eine Erwähnung wert. Los ging es schon am Donnerstag Abend auf der „Forest Stage“, der größten der vier, und das gleich mit einem absoluten musikalischen Leckerbissen. Nachdem die Organisatoren Mark und Natasja van der Stelt das Festival offiziell eröffnet hatten und der niederländischen Fun-Folk-Combo SCOTCH als Anheizer, betraten keine anderen als die legendären AFROCELT SOUND SYSTEM die Bühne und entfachten ein grandioses Weltmusik-Feuerwerk, das bei vielen, die die Band noch nicht live gesehen hatten, zu offenen Mündern führte. Selbst eine neben mir stehende studierte Musikerin, die mit ihrer Band selbst dreimal an diesem Wochenende auftrat, konnte da nur noch staunen: „Crazy Shit!“ Auch die Augen von Mark und Natasja hatten, als ich ihnen nach dem Konzert begegnete, einen feuchten Glanz: „Elf Jahre stand die Band auf unserer Wunschliste. Es ist so schön, dass es in diesem Jahr endlich geklappt hat.“ Da hat sich jemand einen Herzenswunsch erfüllt.

Castlefest 2015

Alle Bands auf dem Castlefest zu erleben ist schlicht unmöglich, denn spätestens ab Freitag Mittag ist auf allen vier Bühnen gleichzeitig Programm. Hilfreich ist hier allerdings, dass manche der Bands mehrmals spielen. Zu unseren Highlights in diesem Jahr zählten neben AFROCELT unter anderem die Konzerte von OMDULÖ (D), IRFAN (BUL), TROLSKA POLSKA (DK) oder FOLK NOIR (D), die wunderschöne Doppelshow von L.E.A.F. (NL) und SEED (NL) auf der „Village Stage“, die beiden Auftritte der südenglischen Stimmungskanonen THE DOLMEN, der Headlinerauftritt der dänischen Band EUZEN am Freitag, die energiegeladene Performance der Belgier RASTABAN und die Shows der Pagan Folk – Urgesteine FAUN (D) und OMNIA (NL), bei denen sich jeweils auch hochklassige Gaststars auf der Bühne einfanden, genau wie bei den aufstrebenden Newcomern CESAIR.

Castlefest 2015

Letztere hatten in diesem Jahr die Ehre am Samstag Abend auf der Hauptbühne direkt im Anschluss an die „Wickerman-Zeremonie“ spielen zu dürfen. Ein ganz besonderer Moment, denn das Abbrennen der überlebensgroßen Strohpuppe ist für viele Besucher ein emotionaler und auch spiritueller Höhepunkt beim Castlefest. Das Wickerman-Ritual ist von Julius Caesar bereits für das keltische Gallien überliefert, dort wurden allerdings nach Caesars Beschreibung Verbrecher als Menschenopfer in der Strohfigur verbrannt. So schlimm geht es natürlich beim Castlefest nicht zu. Hier haben die Besucher bis zum Samstag Nachmittag Zeit, persönliche Opfergaben im Wickerman zu deponieren, bevor er dann in einem feierlichen Ritual von den Organisatoren Natasja und Mark entzündet wird.

Castlefest 2015

Es gibt noch so viel mehr, von dem man berichten könnte: Der Kunstwiese, den Schwertkampfgruppen, den Geschichtenerzählern und Instrumentenbauern, dem Kinderprogramm, der 24-Stunden-Party-Area mit der „Silent Disco“, dem LARP-Dorf, den Falknern, der grünen Fee mit ihrer Hochrad-Absinthbar, den ebenfalls grünen Elfen, die das ganze Wochenende für Sauberkeit auf dem Gelände sorgten, und, und, und…

Castlefest 2015

Die Müll-Elfen hatten im Übrigen nicht allzuviel zu tun – auch bei der Sauberkeit kann das Castlefest hoch punkten. Selbst Zigarettenkippen sieht man kaum auf dem Boden, dafür gibt es am Festival-Merchandise schließlich für billig Geld verschraubbare Taschen-Aschenbecher. Auch auf dem direkt neben dem Festivalgelände gelegenen Campingplatz sieht man kaum Müll und der Zustand der Duschen und Toiletten liegt weit über dem normalen Festival-Durchschnitt. Für die Sicherheit gibt es ein paar einfache Regeln, zum Beispiel, dass man Campingkocher nur im speziell ausgewiesenen Koch-Bereich benutzen darf und auf dem gesamten Gelände (Camping und Festival) keine Glasbehälter erlaubt sind. Wer sich zum Beispiel am Metstand direkt am Eingang eine Flasche kauft, kann diese an der praktischen Umfüllstation gleich daneben in eine (wiederverwertbare) Plastikflasche abfüllen lassen. Da sich jeder daran hält, gibt es keinerlei Stress und die Security ist mehr dazu da, zu helfen und Auskünfte zu erteilen, als dass sie Leute ermahnen oder Regeln durchsetzen muss. Erwähnenswert sind mit Sicherheit auch die hunderten (!) von Freiwilligen die jedes Jahr einen großen Teil zum reibungslosen Ablauf des Festivals beitragen.

Castlefest 2015

Für alle Pagan(folk)-, Mittelalter-, Fantasy- und Cosplay-affinen Menschen ist das Castlefest eine Reise auf jeden Fall wert. Aber Vorsicht, die Gefahr sein Herz an dieses Festival zu verlieren ist hoch, die Reise könnte zur jährlichen Gewohnheit werden.

Mehr Bilder gibt es auf unserer flickr-Seite.



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Florian Hessler

Über Florian Hessler

Archäologe, Historiker und freier Journalist (u.a. Zillo Medieval, Sonic Seducer, Miroque, Metal-District, Piranha) floh.hessler(at)schubladenfrei.de
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